Vorwort.

“Gesegnetes Schwabenland, voll Obst und Wein, Weizen, Schwaben und berühmten Männern! Da ist kein Gau zu klein, er liefert der ersteren viele und der letzteren einige. Auch ihr, freundliche Hügel Knittlingens, wo ein Faust das Licht der Welt erblickte, seid gesegnet, denn ihr saht den vortrefflichen Biedermaier aus eurem Schoße erstehen. Faust und Biedermaier, welche Gegensätze! Der übergeniale Ikarus - der genügsame Biedermaier, dem seine kleine Stube, sein enger Garten, sein unansehnlicher Flecken und das dürftige Los eines verachteten Dorfschulmeisters zu irdischer Glückseligkeit verhelfen. Man könnte sich darüber streiten, ob Biedermaier auch wirklich eine äußere Beschichte erlebt habe. Bei einer kärglichen Besoldung findet dieser würdige Mann in dem tiefen Schachte seines einfachen, redlichen und heiteren Schwabengemütes die köstliche Quelle, welche ihm die Sorgen des Familienlebens verscheuchen und die Lasten des Berufs tragen hilft, den goldenen Zauber, der ihm die eintönige Prosa seiner dörfischen Umgebung paradiesisch verschönt, und das unschätzbare Elixier, welches ihn, geliebt und verehrt von seinen Landsleuten, das hohe Alter von 80 Jahren erreichen lässt, ohne auch nur ein einziges Mal wirklich krank gewesen zu sein oder mit seinem Gott und König gegrollt zu haben... Nur eines muss Biedermaier betrüben. Das Verhängnis scheint den Untergang des Geschlechtes der Biedermaier unabwendbar beschlossen zu haben. Mit ihm scheidet zugleich der letzte jener Ehrenmänner, welche unsere Väter Schulmeister genannt haben. An ihre Stelle tritt der moderne Schullehrer, der mit den Lederhosen, den Schnallenschuhen und dem Namen des alten Schulmeisters auch dessen Gemütlichkeit abgestreift hat, eine Brille trägt und - George Sand liest...

Großer Leser, etliche diese Lieder, deren auserlesenste wir hiermit gesammelt dem Druck übergeben, werden Dir schon bekannt sein. Insbesondere leben “Das alte Dorfschulmeisterlein” und das “Kartoffellied” im Munde des deutschen Volkes. Von andern klang Dir, wie eine lustige Melodie aus dem Rausch vergangener Jugendtage noch manchmal in einsamen Stunden an unserer Erinnerung vorüber summt, vielleicht ein Vers oder doch ein köstlicher Reim schon oftmals vor den Ohren, ohne dass Du Dir haft klar machen können, wo Du ihn früher vernommen. ....

Schwaben im Wonnemonat des Jahres 1853.”

(Lyrische Karikaturen, eine Anthologie von Ludwig Eichrodt. Lahr i.B. 1869.)


Obigem, vom Herausgeber dieses Buches gekürzten Vorwort des Dichters Ludwig Eichrodt sei noch ergänzend zum besseren Verständnis der Entstehungsgeschichte der in vorliegendem Buche enthaltenen Gedichte und ihres literarischen Wertes Folgendes hinzugefügt:
Ludwig Eichrodt schwebten, wie er in seinen hinterlassenen Prosaschriften erwähnte, dunkle Gestalten vor dem Auge, wie er sie schon da und dort wahrgenommen hatte. Er sah, wie viele Prosamenschen einen Versdrang haben, auch in der gebildeten Welt, und schuf so, einigermaßen durch eigene Reimlust getrieben, den Typus Horatius Treuherz, den Reimwütigen (wie er ihn später nannte). Der Spaß war verlockend, die Gedichte mehrten sich.
Bei einer Zusammenkunft mit seinem alten Universitätsfreunde, dem inzwischen verstorbenen Heidelberger Geheimen Rat und Professor der Medizin, Adolf Kußmaul, kamen beide, die “über die entstandenen Gedichte viel lachten und helles Vergnügen hatten”, auf den Gedanken, die Sammlung zu sichten, zu ergänzen und zu systematisieren. Kußmaul hütete sich damals wohl, “als klinischer Biedermaier vor seinen Studenten und Patienten zu figurieren”, wie er sich scherzhaft ausdrückte, und war für Anonymität. Aber so im Zusammenwirken wurden dann von Beiden die Biedermaier-Gestalten erfunden und gepflegt.
Die Schartenmeier-Gedichte Friedr. Theod. Vischer’s gaben die Anregung zu den “Erzählungen des alten Schartenmeier”, die zuerst, “damit die Anmaßung gegenüber Vischer wegfalle”, ohne Namensnennung und als Gedichte “Schwartenmaiers” erschienen. Vischer hatte übrigens seine aufrichtige Freude am “Biedermaier”, wie man sich kurz ausdrückte, und es wurde später von Eichrodt bedauert, dass die drei - Eichrodt, Kußmaul und Vischer - nicht zusammengewirkt hatten; schickte letzterer doch an Eichrodt, nachdem viele Freunde dessen 50. Geburtstag etwas laut gefeiert hatten, als Schartenmeier an Biedermaier das Huldigungsgedicht welches im Anhang zum Abdruck gekommen ist.
Samuel Friedrich Sauter, der alte Dorfschulmeister in Flehingen, den Eichrodt schon in früher Jugend gekannt - er ging mit Huttenfrisur (Simpelhaaren) und Stulpstiefeln umher - und dessen drollige Gedichte später in Eichrodt’s Hände fielen, ward Prototyp für die Biedermaierfigur. Wenn auch Sauter’s Gedichte mit ihrem Gemisch von echter Poesie und unfreiwilliger Komik ihrer teilweisen Ungenießbarkeit wegen nur in geringer Zahl ganz zu verwerten waren, so erwiesen sich doch entlehnte Strophen als äußerst wirksam.
Wer ist also Biedermaier? - Eine dem Namen nach von Eichrodt und Kußmaul erfundene Figur, die aber in Sauter ihren leiblichen Repräsentanten hatte. Dienten also Sauter selbst und seine Gedichte vielfach als Vorbild, so wurde die Biedermaiergestalt dich erst populär durch die in Sauter’s Geiste verfassten späteren Gedichte Eichrodt’s und Kußmaul’s, deren in ihrer Art einzigen Schöpfungen die hohe kulturelle Bedeutung inne wohnt, Figuren geschaffen und verewigt zu haben, die eine Zeit repräsentieren, welche heute als die gute alte “Biedermaierzeit” in Jedermanns Munde lebt. Wie heute der Biedermaierstil in der Architektur gepflegt wird, so möge man sich auch den ästhetischen Begriff des Biederschönen in der Literatur wieder vor Augen halten und sich an ihm erbauen. Die Wortbildung “Biedermaier” rührt aus der Entstehungszeit der hier gesammelten Gedichte her und wurde von Eichrodt - Kußmaul geprägt, unabhängig von einem Gedicht Ludwig Pfau’s 1846, wo der Name in anderm Sinne erstmals auftauchte, was Eichrodt erst in seinen letzten Lebensjahre entdeckte.
Soweit es möglich war, sind bei den einzelnen Gedichten die Namen der Verfasser angegeben, doch lässt sich bei einer kleineren Anzahl nicht mehr feststellen, welche von Eichrodt, welche von Kußmaul und welche - was auch vorkam - von beiden gemeinsam verfasst worden sind.
Die ursprünglich geplante Buchausgabe des “Biedermaier” unterblieb, da die politisch bewegte Zeit nicht dazu angetan war, und die verschiedenen Schöpfungen wurden um die Mitte des vorigen Jahrhunderts teilweise in den Fliegenden Blättern publiziert. Sie fanden zuletzt in Eichrodt’s “Gesammelten Dichtungen” Aufnahme und zwar unter den drei Abteilungen, welche die vorliegende von Professor Ed. Ille illustrierte Sammlung ebenfalls aufweist:
1. Lieder von weiland Gottlieb Biedermaier
2. Gedichte des Buchbinders Horatius Treuherz
3. Erzählungen des alten Schartenmeier
Was die drei gestalten Biedermaier, treuherz und Schartenmeier nun eigentlich verkörpern, möge in nachstehendem nach Angaben Ludwig Eichrodt’s noch weitere Erläuterung finden:
Biedermaier bietet unbewusste Komik. Sein Wesen oder der ästhetische Begriff des Biederschönen und des Biedermaiers ist die naive Spießbürgerbegeisterung für alles Hergebrachte und behaglich Beschränkte. “Gemütliche Biederzeit ist der Grundton....Selbst da, wo er das Gegenteil von Erheiterung bezweckt, muss der herrliche Menschenfreund noch seinem Nächsten Freude machen und ergötzen”; naive Beachtung der einfachsten Verhältnisse des Lebens, die der raffinierte moderne Weltmensch gar nicht mehr zu erkennen vermag, Verehrung der Autorität und Ordnung sind ihm eigen, Sein Schwager, “der unsern wohnende Buchbinder
Horatius Treuherz, schöpft köstliche Bildung aus allen Büchern, die ihm unter die konservierende Hand kommen. Er liest auch Zeitungen und ist reim- und phrasenwütig”, seine Komik ist aber ebenfalls unbewusst.
Schartenmeier dagegen ist die bewusste Biederkeit, künstliche Einfachheit zeichnet ihn aus; der tugendhaften Schönheit im Gewande des dörfischen Schulmeisters mit Lederhosen und Schnallenschuhen gegenüber ist seine Schönheit die schon etwas schadhaft gewordene des städtischen Präzeptors. Er erheitert immer absichtlich.
Alle aber gehören, wie Ludwig Eichrodt in seiner Vorrede bereits sagte, wohl schon “zu den fossilen Überresten jener vormärzsündflutigen Zeiten, wo Deutschland noch im Schatten kühler Sauerkrauttöpfe gemütlich aß, trank, dichtete und verbaute und das Übrige Gott und dem Bundestag anheim stellte”.
Im übrigen sei auf die ausführlichen Darlegungen des Eichrodt-Biografen, jetzt Gymnasialrektor A. Kennel in Kalferslautern, sowie auf die diesbezügliche, hier auszugsweise wiedergegebene Vorrede in Eichrodt’s “Gesammelten Dichtungen”, (erschienen bei A. Bonz u. Co. In Stuttgart) hingewiesen.
Frühjahr 1911.
Der Herausgeber.