1201 - Allgemeine Bestimmung des musikalischen Schönen.

Erstes Kapitel.

Allgemeine Bestimmung des musikalischen Schönen.

§. 1.

In einer speziellen Ästhetik wird man eine allgemeine Untersuchung über das Schöne, welche sich durch Widerlegung vielfacher Irrtümer Bahn breche, nicht erwarten, sondern sie als anderwärts schon durchgeführt voraussetzen. Namentlich hat sich mit dem Fortschritt der Wissenschaft die Forschung über das auf einen Gesamtbegriff zurückführende Wesen der Schönheit mehr und mehr erweitert, und es würde auch uns der Raum gebrechen, wenn wir nicht das von der allgemeinen Ästhetik näher Ergründete als Resultat und Anfangspunkt n die Spitze stellen dürften. Und doch tritt hierbei ein neuer Zweifel entgegen. Wenn nämlich das abstrahierte Schöne erst dem Gefühl entnommen werden muß, und dann zum Begriff umgewandelt, selbst nicht als Schönes gefühlt werden kann, so möchte die Anforderung an eine zur Grundlage dienende Definition, wenn solche nicht bloß leere Worterklärung oder spitzfindige Spaltung der Begriffe sein soll, als eine wo nicht vergebliche, doch unbrauchbare erscheinen. Auch haben die aufgestellten Definitionen der Schule nie einen Künstler begeistert, oder auch genugsam belehrt. Dennoch ist ohne eine Zergliederung des Schönen weder eine fürs Allgemeine gültige Betrachtung möglich, noch kann irgend eine fürs Besondere aufzustellendes Gesetz ohne solche begründet werden. Darum muß uns vergönnt sein, eine Grundansicht für das Ganze vorauszuschicken.

§. 2.

Die Voraussetzung, durch welche uns alles Schöne im Leben vorhanden ist, macht die in unserem Inneren als eine Wesenheit des menschlichen Geistes gegebene Idee der Schönheit aus; denn wir ordnen derselben jede Erscheinung unter, und, von diesem Gesichtspunkt aus gefaßt, heißt der Gegenstand schön, welcher der Idee der Schönheit entspricht oder sie realisiert. Damit aber ist keineswegs erklärt, was als schön erscheint. Fühlen wir nun das Schöne in uns, und hat der Gegenstand nur die Eigenschaft, das Gefühl des Schönen in unserem Inneren anzuregen, so werden wir auf das Verhältnis, welches zwischen dem Geiste und der Natur, zwischen einem Idealen und Realen obwaltet, wir werden auf ein Gesetz der menschlichen Seele gewiesen, und haben auch hier das Orakel in uns zu befragen, welches das Rätsel des Äußeren löse. So kommen wir auf das Wohlgefallen und die Befriedigung zurück. Wie nun das, was dem Sinne wohl tut, diesem gefällt und das Angenehme ausmacht, so gefällt dem Geiste, was unmittelbar geistig befriedigt, und zwar die Geisteskräfte harmonisch betätigt und frei über das Endliche erhebt. Was wir in diesem Genusse des Lebens umfassen, und was dieser Einheit mir einem Unendlichen uns näher bringt, das begeistert und erfreut uns als schöner Gegenstand der Natur und Kunst, es beseligt uns in uns selbst, indem es durch den Anteil an einem offenbar werdenden geistigen Dasein zum Wohlgefühle führt. Dies ist dann schön im Sinne des allgemeinen Sprachgebrauchs, in welchem auch das Denken eine schöne Sache heißt und eine Tat als schön benannt wird. Im strengeren Sinne aber wohnt das Schöne innerhalb der Sphäre des Anschaulichen oder in der form unmittelbarer Erscheinung, welche Form für das Geistige nur eine freie sein kann, insofern es um sein selbst willen da ist und keinem fremden Zwecke dient. Darauf hin können wir feststellen: schön ist das im Anschaulichen sich durch freie Form darstellende, nicht durch Begriffe, sondern durchs Gefühl unmittelbar zu erfassende Geistige oder Ideelle. Dann aber wird hierbei das Anschauliche vorausgesetzt, und es kann leicht für das Schöne selbst genommen werden. Fragen wir nun nach dem, was den Menschengeist durch Ansprache und Erhebung über die Sinnenwelt befriedige, und so ihm gefalle, so ist dies nur das Geistige, welches dem Gefühl unmittelbar gegeben ist und sich nur in freier Form darstellen kann. Ist also das Schöne ein Scheinen oder Erscheinen der Idee, ein Offenbarwerden des an sich Nichtsichtbaren; so dürfen wir doch nicht mit Kant behaupten, es gefalle durch die bloße Form, ohne daß ein Inhalt in Rücksicht komme. Nicht die Form an sich oder jegliche Form kann als schön gelten oder gefällt. Das Wesentliche ist die freie geistige Form, im Gegensatz einer notwendigen, unter welcher das Nützliche und Gute einem Zwecke dient. In diese Form kann Alles da treten, was geistige Elemente in sich trägt. Wandelt sich das Wahre und Gute in eine anschaubare Erscheinung um, die um ihrer selbst willen existiert und befriedigt, so ist auch dieses uns als ein Schönes Gedanken, einer schönen Tat, einer schönen Seele. Leicht unterscheiden wir hierbei das Angenehme, welches sinnlich, durch bloße Affektion der Sinne befriedigt und durch die Empfindung des körperlichen Daseins unsere Lebenstätigkeit anregt und hebt; leicht auch das Wahre und Gute, welche durch Begriffe und Reflexion erfaßt werden. Das Wahre wird gebilligt, das Gute in seinem Werte anerkannt.

§. 3.

Die Musik ist Darstellung der Empfindung und im geistigen Menschen des Gefühls. In ihr bilden die Töne das, was gefällt. Dies aber kann einmal nur das Angenehme sein, welches dem Ohr durch einstimmende Affektionen wohltut, wie ein unangenehmer Ton dagegen den Sinn verletzt. So affizieren angenehm und verletzten Farben das Auge. Kant sah in der Musik nicht viel mehr, als was eine gefällige Empfindung des Ohrs bewirkt; und wohl werden Viele ihm beistimmen, die bei Musik nicht mehr fühlen, als bei dem Genuß einer fein bereiteten Mahlzeit. In die Töne tritt die Schönheit ein, wenn sie zur Musik werden, sei es auch in der einfachsten Melodie, das heißt, wenn sie inneres Seelenleben aussprechen. Der einzelne Ton kann an sich nur angenehm durch Reinheit und Zartheit wirken, man müßte denn mit Einigen an die in jedem Tone mitklingenden Töne, welche Maaß die Teiltöne nannte, denken und darin eine frei verbundene Mannigfaltigkeit voraussetzen; allein teils hat Chladni dies Mitwirken gewisser Beitöne bloß in de Beschaffenheit der Naturkörper begründet gefunden, teils Gottfried Weber nachgewiesen, daß sie nur eine durch ihre Unhörbarkeit unschädliche Unvollkommenheit der Töne ausmachen. Wie ein einzelnes Wort richtig sein kann, aber außer Beziehung stehend doch noch keinen Gedanken hergibt, so wird der angenehme Ton zum Mittel für schöne Darstellung, indem geistige Belebung hinzutritt und durch Verbindung die Laute zu Tönen werden. Das Angenehme kann aber in den Tönen sich zur Schönheit gesellen und mit ihr aufs engste vereinen, inwiefern überhaupt Sinnliches und Geistiges in Verbindung steht, Körper und Seele in Eins verschmelzen und das Geistige da als Schönheit nicht hausen kann; wo ein Unangenehmes den auffassenden Sinn stört und verletzt, wie bei unreinen Tönen. Wenn dagegen die Musik auch das an sich Unangenehme in der Dissonanz aufnimmt und behandelt, so wirkt dabei weder das Materielle, noch die Unmittelbarkeit des Mißfallens, sondern die Form und der Übergang aus dem Unentschiedenen und Unbefriedigten zur Entschiedenheit und Befriedigung.

§. 4.

Die Form aber, in welcher die Musik Darstellung der Schönheit wird, ist eine freie. Zwar haben die Töne der Natur auch Form, aber entweder geht ihnen die freie Form gänzlich ab, wie dem gleichbleibenden Gesang des Kuckucks, oder sie besitzen unter dem Gebot der Notwendigkeit sie in geringem und bedingtem Grade, wie dies oben bei der Unterscheidung der Musik der Natur und des Menschen klar wurde. Wo aber auch in ihnen sich geistiges Element frei bewegt, werden sie eben so zu schönen, wie die räumliche Natur im freien Spiel der Gestaltung. Dagegen schließt sich auch das Gebiet des Schönen in des Menschen Musik da, wo die Form aufhört frei zu sein. Die Skala auf und ab wiederholt wird Niemand schön nennen. Eben so kann eine Musik in lauter gleichartigen Rhythmen, die wohl auch mit dem Geklapper der Dreschflegel verglichen werden könnte, nicht als schön gefallen. Daher kömmt dem Choral, wie er gewöhnlich gesungen wird, nur in harmonischer Hinsicht Schönheit zu, da er in der gleichförmigen rhythmischen Bewegung nirgends freies Leben beurkundet; weshalb auch Nägeli’s spöttische Rede, der Choral sei ein massiver Leib im Parademarsche, wenigstens von einem richtigen Gefühle für Schönheit ausging.

§. 5.

Aus dieser Annahme möchte zu folgen scheinen, daß das Regellose und unbestimmt Schwebende geradehin das Schönste sei, weil es als das Freieste angesehen werden könne; daß mithin das Gezwitscher der Vögel ein Muster musikalischer Schönheit aufstelle. Allein das Freie ist nicht das Gesetzlose, und nicht durch Verletzung der Regel gelangen wir zu ihm; eine Wahrheit, welche die Moral und Politik längst ins Klare gesetzt hat. Doch haben wir auch für die Schönheit nicht zu fürchten; denn ihre Form ist ferner auch eine harmonische. Einheit und Einstimmung der Teile setzt das Wesen der schönen Form voraus. Vieles erkennen wir nicht als schön an, ohne es häßlich zu nennen. Jenes gefällt nicht, dies aber mißfällt, und zwar durch den Mangel der Einheit und die Verletzung des Einklangs, welche jenes Nichtschöne nur nicht vollkommen erreicht oder überhaupt gleichgültig behandelt. Manche Kompositionen, namentlich für Klavier, verfehlen ihren Zweck und beleidigen das Gefühl durch solche zerflossene Form, wo weder Melodie, noch Harmonie ein Ganzes bilden; ja sie können wohl ebenso häßlich bedünken, wie das Gesicht eines Affen, in welchem die Züge auseinander treten und verzerrt heißen.

§. 6.

Wenn aber die Form des Schönen einzig nur zur Ausprägung des Geistigen dient, so kann sie nicht als eine tote und leere Form wirken. Wie könnte sie auch dann geistige Form heißen? Beseelt und lebendig erscheint das Schöne, und nirgends wird ein Totes als solches gefallen. So muß sich in dem Tonstücke, wie in dem Gemälde, Leben offenbaren, und selbst da, wo die Kunst in toten Massen arbeitet, wie im starren Stein, spricht aus demselben, wenn auch nur scheinbare, Beseelung. Vermag der Hörer einer Musik nicht in derselben Geistiges aufzufinden und schweben leere Tonformen seinem Ohr vorüber, so wird er sich interesselos und unbefriedigt fühlen oder dem Klingklang ausweichen. Auch dazu mangelt es nicht an Beispielen in unserer heutigen Fingermusik, in der oft nicht mehr Belebung hauset, als welche sich in den schnell bewegten Tasten erkennen läßt. Tritt aber in seiner freien Form ein Beseeltes hervor und steigert sich dies in seiner Reinheit und Würde bis zum Idealen, so kann die Form, die jenes aufnimmt und in sich trägt, auch nur eine vollkommene sein. Wir besitzen Gemälde und Tonwerke, in welchen sich der Einklang eines Ganzen und Beseelung vorfindet, und dennoch gebricht ein Etwas, welches wir nicht selten als Unnennbares bezeichnen, und der Künstler als die Vollendung der Form betrachtet, Andere als das Ideale, das Geistvolle oder auf ähnliche Weise benennen; wir dürfen ihnen das Wohlgefällige nicht absprechen, und doch auch nicht die Anerkennung der höchsten Schönheit zuwenden.

§. 7.

Durch diese Bestimmungen hindurchgegangen, fragen wir wiederholt, was doch gefällt also im schönen Tonwerke? Vermag die Form solchen Zauber des Daseins zu gewähren, daß wir darin unsere Beseligung finden? Ist wohl die Form das Geistige und Unendliche selbst, welches zu der höchsten Begeisterung erhebt? Wie nicht der materielle Stoff, so kann auch nicht dessen Form selbst enthalten, was das Wohlgefallen schafft. Die Aussprache eines Geistigen, Nichtsinnlichen und die Einstimmung des Geistes mit der Natur ist's, was in der Musik gefällt, ergötzt und beseligt, und was die Ahndung eines Unendlichen, aber uns Verwandten weckt. So strahlt das Schöne das ewige Wesen, auch unerkannt auf welche Weise, wieder; dies spricht uns als ein Gleiches an und befriedigt, sofern dies im irdischen Leben möglich ist, das Verlangen Eins zu werden mit dem Unendlichen. Solche Zusprache vernimmt der Mensch im Schönen, ohne das Wort zu verstehen; denn es faßt's der Verstand nicht, was unmittelbar die Seele ergreift und erfüllt, aber das Gemüt wird dessen dennoch gewiß. So ist die Freude und Luft am Schönen auch in den Tönen die Freude und Luft des Lebens im Unendlichen und Reingeistigen, innerhalb der Sinnenwelt. Und wäre es die Melodie eines Tanzes, ist sie schön, so beflügelt sie mehr als die Füße; auch in ihr schwingt sich die Seele empor, wenn auch nur zu einer Höhe, wo der Fuß noch den Boden berührt. Darum wirkt das Schöne nur beseligend, als Stärkung und Erhöhung unseres Daseins und die Ahndung einer höheren Welt, welche das in freier Form erscheinende Ideelle aufleben läßt, führt über die Bedingungen der Gegenwart hinaus. Wir vergessen die uns zufallenden individuellen Beschränkungen und die auf uns einwirkende Umgebung. Daher kann auch kein mit der Schönheit Vertrauter sich ganz unglücklich fühlen; der Anteil an dem, was den Menschen glücklich macht, ist ihm gewiß. Ein Jeder kann daher die große Kunst gar leicht erwerben, stets fröhlich zu sein, fröhlich in seinem Gott, das ist in dem Besitz der Unendlichkeit und in dem Bewußtsein eines über alle Erdenschranken erhobenen Daseins geistiger Freiheit. In dem Genusse des Schönen fühlen wir uns frei. Wir fragen nicht: was nützt es, und kein Wert und kein Zweck bestimmt unsere Bestrebung. Gefällt das Gute erst nach der Beurteilung, so gefällt das Schöne vor derselben; was diejenigen nicht bedenken, die sich den Genuß durch vorauseilendes Urteil schmälern und dem kritisierenden Verstande ein verkümmerndes Vorrecht einräumen. Auch für Musik gibt es eine Kunst zu hören, die von Vielen unbeachtet bleibt. Das Reizende, was nur unsere sinnliche Tätigkeit erregt und so das Ohr schmeichelnd ergötzt, fällt dem Angenehmen anheim; wo es obherrscht, kann es dem Schönen eben so wie das sinnlich Erschütternde zum Nachtteil gereichen, indem es berauscht oder in eine niedere Sphäre versetzt. Das Schöne nämlich reizt nicht an sich, kann sich aber, vorzüglich in der Musik, mit dem Reizenden so verbinden, daß seine Wirkung dadurch verstärkt wird und es unaufhaltsam hinreißt; so durch Reinheit und Weichheit des Tons und den Ausdruck des Natürlichen, welcher unmittelbar den Sinn ergreift. Doch haben wir auch vielfach erfahren, wie Überreizung der Sinne in Ekel übergeht. In der Schönheit sollen wir Sinnlichkeit und Vernunft vereint und für den Frieden dieser und einer höheren Welt versöhnt sehen; wie aber dies geschieht, bleibt unserer Erkenntnis ein unaussprechliches Geheimnis. Eins aber ist gewiß: der Weg der Schönheit ist der Weg zur Freiheit, die schöne Kunst eine freie Kunst, und wer dem Schönen in Tönen oder in anderer Kunst lebt, den erfüllt die reine Liebe zu dem Heiligen und er kann nicht zerfallen mit der Welt und mit Gott; denn das Schöne hat seine Quelle in Gott und führt zu ihm.

§. 8.

Bevor wir nun fortschreiten, um das Schöne in seinen Elementen und Formen zu erläutern, haben wir einen in der ästhetischen Beurteilung oft angewendeten, oft auch verkannten Begriff des Ideals ins Auge zu fassen. Ideal der Schönheit (welche wir von dem idealen Schönen unterscheiden) kann nur die Schönheit in der Idee der Vernunft sein. Sie enthält das Unbedingte und Absolute, welchem kein Gegenstand der Erfahrung ganz entsprechen kann, und welches in Keinem ganz aufgeht. Dies Ideal ist ein inneres Urbild, nie ganz aussprechlich und nie verwirklicht, wenn es auch als Regulativ bei jeder Beurteilung schöner Gegenstände obwaltet und der schaffenden Tätigkeit des Genius vorschwebt. Ein objektives Ideal oder ein bestimmter Gegenstand der zu verwirklichenden Idee kann nicht uranfänglich in uns liegen; dazu wird Anschaulichkeit, welche die Einbildungskraft erst verleiht, erfordert. Das Bild, an welchem die absolute Idee offenbar werde, schafft die Phantasie, und es entspricht derselben unter der Bedingniß individueller Existenz. Nach ihm beurteilen wir die Werke der Natur und Kunst; ihm entsprechen mehr oder weniger die Dinge der Wirklichkeit. Daher kann ein Gegenstand schöner sein als der andere, das heißt, sich mehr dem Ideal nähern als die Übrigen. In diesem Sinne dürfen wir graduelle Verhältnisse der Ideale zugestehen, und wir werden daher, um im Sprachgebrauche uns nicht zu verwirren, ein Dreifaches genauer unterscheiden müssen: 1) Ideal absoluter Schönheit als unaussprechliches Eigentum der Vernunft; 2) Ideal im Gegenstand, als höchste Vollendung im Anschaubaren; 3) Grade, in welchen sich das Besondere zur Vollendung aufstuft. Zugleich aber werden wir mit dem, was so als Ideal benannt wird, nicht das ideale Element der Schönheit verwechseln, welches in aller schönen Darstellung gefunden wird und von welchem wir in der Folge sprechen. Diese für alle Kunst gültigen Bestimmungen betreffen vorzüglich auch das Wesen der Musik. Allein wir vernehmen hier eine sonderbare Einrede gewisser Ästhetiker. Krug nämlich lehrte, es gebe, weil ein Ideal nur innerhalb bestimmter Schranken zur Anschauung gebracht werden könne, kein Ideal dessen, was in der Zeit aufgefaßt wird, mithin kein Ideal schöner Töne, sondern nur ein Ideal schöner Gestalten. So konnte freilich nur urteilen, wem das Leben in musikalischer Schönheit fremd blieb, und schwerlich möchte es gelingen, ihn durch Demonstration in dasselbe einzuführen. Der musikalische Künstler trägt nicht minder feste Gestalten in sich, und schafft aus der im Inneren ihm gegebenen absoluten Idee der Schönheit nicht weniger, als Raphael es von sich bekannte, ein Bild seiner Phantasie. Doch verzeihlich ist der Irrtum den Philosophen, welche im Idealen nichts mehr als gesteigerte Begriffe erkennen, und diese in der Musik nicht finden. Gibt es eine Kunst in Tönen, so kann ihr auch ein höchstes Gesetz und ein Maßstab nur in dem Ideal gegen sein. Wohl aber mag zugestanden werden, daß die Phantasie ein Vorbild aus der Idee leichter für die schaubare Gestaltung entwirft und fester fixiert als für hörbare. Nicht vermag die Musik eine beseelte Menschengestalt in ihrer Vollendung zur Anschauung zu bringen und so deren Ideal aufzustellen, aber sie vermag die höchste Reinheit und Vollkommenheit menschlicher Gefühle in der Darstellung zu erstreben; in dem Künstler lebt das Ideal fühlenden Menschen.

§. 9.

Da nun der Kunstübende Mensch für den Entwurf eines Ideals, insofern ein Jeder auf verschieden Stufe der Geistesbildung gestellt und von individuellen Bedingungen verschränkt ist, die Idee in ihrer Absolutheit zu erschöpfen nicht vermag, und so immer nur ein bedingtes Ergebnis von ihm erreicht wird, und da objektiv für die Darstellung bestimmter Gegenstände ein Musterbild ausgehoben wird, welches unter allen andern Bildern an Gediegenheit überwiegt, so ist dem Künstler für schöne Darstellung ein Normalideal gegeben, nach welchem er arbeitet und dem er in seinem Versuche zustrebt. Das letztere fällt den bildenden Künsten mehr als den übrigen zu; denn in denselben finden wir Normalideale menschlicher Schönheit, des Tierkörpers, ein Madonnenideal und was sonst die Aufgabe der Malerei und Plastik umfaßt. Dennoch entbehren auch Musik und Dichtkunst nicht der normalen Ideale für gewisse feststehende Darstellungsformen, wie z.B. für epische, lyrische Darstellung, für Kirchenmusik. Vollgültig aber tritt bei der Tonkunst die zuerst erwähnte subjektive Beziehung hervor. Warum ein Mensch, eine Nation, ein Zeitalter aus der Zahl der schönen Verhältnisse und Formen gerade diese und nicht andere auswählt, und als probehaltig und zureichend anwendet, warum hier für Grundlage des Idealen gehalten wird, was anderwärts nicht dafür anerkannt ist, dies beruht auf speziellen und individuellen Bedingungen und dem Grade intellektueller und ästhetischer Ausbildung, und wird so lange seine Gültigkeit behaupten, als Menschen an Individualität der Existenz gebunden sind. So aber dürfen wir von einem griechischen Ideal, von einem modernen sprechen, und damit auch einen verschiedenen Stil begründen. Wir erklären daraus nicht allein die Verschiedenheit der Auffassung und Gestaltung des Idealen, welche in verschiedenen Zeiten den musikalischen Werken zum Grunde gelegt worden sind, so daß was vor Zeiten als ausschließlich schön galt, später dafür nicht gelten konnte, sondern auch die Verschiedenheit des Geschmacks, über welchen bei richtiger Voraussetzung dessen, was unerläßliche allgemeine Forderung ausmacht, nicht zu streiten ist. Ideal war es, was Händel, was Mozart, was Beethoven vorschwebte, allein bei Jedem doch ein Verschiedenes, wie bei Phidias und Praxiteles, bei Raphael und Correggio; und nicht zwingen läßt sich die vorgeschrittene Menschheit, die Normalideale einer früheren Zeit unbedingt zu den ihrigen zu machen. Die Rhythmen der Inder weichen von den unserigen so auffallend ab, daß wir sie geradehin für mißfällig und unschön halten, was sie ihrem Volke und ihrer Zeit nicht waren. Eben so ist der veränderte Geschmack in Hinsicht der rhythmischen Formen und der Feststellung des Tempo unter europäischen Völkern nicht als ein bloßes Produkt der modischen Willkür, wohl aber als ein Gegenstand kunstgeschichtlicher Forschung zu betrachten. Die Streitigkeiten, wie sie über alte und neue Kirchenmusik, über den Wert des von Palästrina benannten Stils geführt worden sind, lassen sich nach Anerkennung einer Normalidee der Schönheit bald beseitigen; daher es auch ins Lächerliche fällt, wenn Nägeli (Literaturblatt 1825. S. 344) auf Thibaut zänkisch losfährt und dreist behauptet, in den nicht fugierten Kompositionen des Palästrina sei weder Schönheit, noch sonst Geistvolles enthalten.