1000 - Einleitung

Ästhetik
der
Tonkunst.

Von

Dr. Ferdinand Hand
Professor und Geh. Hofrat

Erster Teil

Zweite Ausgabe

Leipzig,

Verlag von Eduard Eisenach.

1847


Ihrer

Königlichen Hoheit

der Prinzessin

Augusta

von Preußen

Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach,

in tiefster Verehrung

und in dankbarer Erinnerung vergangener Zeit

ehrfurchtsvoll gewidmet

vom

Verfasser.

Vorrede.

Hätte die von Nägeli aufgestellte Behauptung, in Sachen der musikalischen Kunst sei dem Dilettanten zu sprechen kaum vergönnbar, eine allgemeine Billigung gefunden, würde ich mit noch größerer Schüchternheit diesen Versuch den Lesern übergeben, als es dennoch geschieht. Dagegen kann ich wohlgemut dem Tadel erwidern, daß, wenn das Unternehmen in einer unsicheren Hand mißglückte, den Kunstgenossen der Vorwurf zufällt, sie hätten längst schon als die Berufenen das Wort ergreifen müssen und nicht gegen alle Verpflichtung schweigend dem Kunstfreunde das Stimmrecht überlassen sollen. Noch hat unsere Literatur keine Ästhetik der Tonkunst aufzuweisen, und was hie und da in den Lehren der allgemeinen Ästhetik darüber gesprochen worden ist, reicht nicht aus. Das Bedürfnis wurde aber mehr und mehr fühlbar, je eifriger man fortfuhr in Zeitschriften über vorhandene Werke auch in ästhetischer Hinsicht zu urteilen und auf Prinzipien zurückzuweisen, die, wenn auch vorhanden, doch nirgends klar ausgesprochen waren. Die Leser dieser Zeitschriften werden mir zugestehen, daß dort in Bezug auf Ästhetik wegen der verschiedensten Standpunkte eine wahre Sprachverwirrung herrscht, und nicht selten ein vages Hin- und Herreden ohne alle Prinzipien und ohne Beachtung der Grenzlinien und des Wesens der Kunst zu keinem Resultat führt. Dieser Notstand konnte nur Abhülfe wünschen lassen, und von mehr als einer Seite wurde das Versprechen einer Ästhetik der Musik gegeben, von keiner bis jetzt erfüllt. Nach mehreren Versuchen wissenschaftlich begründeter Darstellung würde endlich eine allgemeine Grundansicht herrschend werden und der Gewinn für die Kunstleistung nicht mangeln. Ein ernster Anfang aber will gemacht sein. Niemand wird mir so nachdrücklich sagen, an welchen Schwächen dieser mein Versuch noch leide, als ich mir selbst. Die Begründung scheint nicht umfassend genug, die Nachweisung der Beispiele sollte reichlicher und ausführlich sein, der Darstellung geht Gewandtheit und Eleganz ab. Wenn dagegen Jemand bemerkte, das Buch enthalte Vieles, was man schon gewußt habe, oder was als ausgemachte Wahrheit gelte, so darf dies kaum für einen Tadel bei einer Schrift genommen werden, welche eben bemüht war, allgemein Anerkanntes zu sammeln und auf festere Grundlagen zurückzuführen. Es soll hier das Einzelne eine systematische Ordnung erhalten. Nur Eins wage ich mit der sichersten Offenheit zu bekennen, daß, was hier ohne alle Anmaßung und fern von polemischer Tendenz dargeboten wird, ein Produkt der wärmsten und reinsten Liebe für die Kunst ist. Unter diesem Namen möge es eine freundliche Aufnahme finden und Einsichtsvollere veranlassen, bald ein Besseres und Gediegeneres zu liefern.
Den Gang der Untersuchung, welchem ich gefolgt bin, setzt die Einleitung auseinander. Das Buch selbst wünsche ich als Lehrbuch betrachtet zu sehen, damit man nicht eine bloß ergötzliche Unterhaltung erwarte, sondern vielmehr zu schärferem Nachdenken und weiterer Ausführung einzelner Andeutungen veranlaßt werde. Der zweite Teil, welcher die ästhetischen Lehren der Komposition enthalten soll, wird so schnell, als gewonnene Nebenstunden es möglich machen, nachfolgen.

Jena, den 12 August 1837.
F. Hand.


Einleitung.

§1.
Über Musik zu sprechen und die Werke musikalischer Darstellung nach einer ausgestellten Gesetzlichkeit zu beurteilen ist in mehrfacher Rücksicht schwer, und bei der Unsicherheit des Verständnis weit mißlicher, als die Vielzahl der Sprechenden glaubt. Der Gegenstand nämlich, an sich betrachtet, liegt hier nicht in dem Gebiete des Verstandes und der Begriffe, und wird mithin nicht leicht durch Worte erfaßt, da er vielmehr erst in das Gebiet der Vorstellungen herüberzogen und durch Abstraktion gewonnen werden muß. Vergeblich wird man einem bloßen Verstandesmenschen das Wesen zu demonstrieren versuchen, welches zu seiner unmittelbaren Auffassung eines Ohrs und eines Herzens bedarf, und die Voraussetzung, es beruhe das Ästhetische in formalen Begriffen, führt zu dem mißglückende Verfahren, auch das lehren zu wollen, was nur mit ganzer Seele unmittelbar ergriffen werden kann. Auf der andern Seite bringt den Maßstab der Beurteilung ein Jeder aus der Sphäre seines Gemüts als einen besonderen mit sich, und bedingt so das Urteil schon durch den Grundsatz, nach welchem in dem Gebiet der Gefühle eine Berufung an ein allgemeines Schiedsgericht nicht statt findet. Um nun aber doch zu einem Gesetze zu gelangen, verlieren sich die Sprechenden wohl auch so ins Allgemeine, daß der unklare Gedanke in leeren Formeln und unbestimmten Bezeichnungen einer oft phantastischen Sprache versinkt und mit noch so vielen und zierlich ausgeschmückten Worten Nichts aufgestellt, wenigstens Nichts ausgemacht wird. Selbst der Weg, auf welchem musikalische Urteile zu Stande gebracht werden, erhöht die Schwierigkeit. Das Gemälde und die Statue stehen vor Augen und können mit Ruhe und fester Fixierung des Blicks betrachtet werden; das Werk der Tonkunst schwebt vorüber und läßt dem Nachdenken kaum Momente; ein bloßes Lesen der Noten. Wie oft auch die Kunstrichter dies für zureichend erachten, ersetzt nimmer die unmittelbare Auffassung lebendiger Töne. Dennoch dürfen alle diese Schwierigkeiten und diese Gefahr des Mißverstehens uns nicht von jedem Versuch zurückschrecken. Wir müßten von dem Schönen überhaupt schweigen, wenn es versagt sein sollte, betrachtend in das innerste, tiefste Seelenleben einzudringen, und das Gesetz aufzusuchen, nach welchem die Schöpferkraft des Genies die Werke der Tonkunst entstehen heißt. Und wem ist auf dem gewöhnlichen Lebenswege das Bedürfnis fühlbar, für eine Bezeichnung der Art und des Wertes vorhandener und genossener Werke vor Allem darüber zur Klarheit zu gelangen, was das musikalische Schöne sei und wie es wirke, welche die Grenzen dieses Kunstgebietes ausmachen, in welchen Formen die musikalische Kunst schaffe und walte. Den Zweck der Verständigung aber werden wir hierbei nur unter einer Zweifachen Bedingung erreichen. Einmal gebe man im Voraus zu, daß im großen Umfange des Seelenlebens nicht Alles den Begriffen zufällt, und mithin nicht Alles seine Beweise von den Schlüffen des Verstandes empfängt, sondern es auch des lebendigen Glaubens bedarf an ein Letztes, Nichtdemonstrables, welches als ein Vorhandenes anerkannt und ergriffen werde. Ein anderes ist die Wahrheit erkennen, ein Anderes die Schönheit unmittelbar erfassen, indem diese Erscheinung des Lebens ein Letztes, über den Begriff hinausreichendes enthält, was dem Glauben an ein Unendliches gegeben ist, und dessen wir in Gefühlen gewiß werden . Darum muß hier auch die bestimmte Nachweisung schon genügen. Dann aber liegt eine zweite Bedingung in der ruhigen Teilnahme an Befestigung der Grundansicht. Bevor man nicht einig und klar geworden ist über das allgemeine Wesen der Musik, wird bei den Schwankenden Meinungen kein sicheres und ausreichendes Urteil über das Schöne in der Musik möglich, und ohne sich jene Grundansicht vollständig aufgehellt zu haben, wird Niemand über ein einzelnes Kunstwerk, welches vorliegt, richtig entscheiden, ja es nicht einmal vollständig erfassen können. Nirgends wohl finden wir, so lehrt die tägliche Erfahrung, mehr un gründliches Geschwätz und leeren, oft mit phantastischem Aufputz prunkenden Wortkram, als in Sachen der musikalischen Kunst. Die Meisten meinen zu fühlen, was ihnen nicht einmal fühlbar werden kann, und bringen in Gemangelung klarer Begriffe das vermeintlich Unaussprechliche auf Bilder und Vergleichungen zurück, ohne damit den Gegenstand im Geringsten zu erklären. Jedem muß freilich das Recht zugestanden werden, in Sachen des Menschlichen mitzusprechen, wenn es nur nicht mit Anmaßung geschieht. Und wenn die ästhetische Beurteilung musikalischer Kunstwerke größtenteils in den Kreis fällt, welchen man mit dem Namen der Dilettanten bezeichnet, und die Zunftgenossen nicht selten mit einem verächtlichen Blicke vorübergehen, so mag anderer Seits beachtet werden, wie Wenige unter den Künstlern auf dem Standpunkt einer Kunstwissenschaft stehen und über das Gesetzliche Aufschluß zu geben vermögen. Dies Alles erweitert den Gesichtkreis der Betrachtung.

§2.
In dieser Betrachtung dürfen wir nicht die Musik vor und außer dem Kunstwerk unberücksichtigt lassen. Auch das Früheste und Allgemeine haben wir als Grundlage anzusehen, in seine Elemente zu zerlegen und das unter aller verschiedener Form gleich erhaltene Wesen zu ermitteln. So muss das geistige Leben in dem Verhältnis zur sinnlichen Erscheinung der Töne klar werden, dass Geheimniss des innersten Seelendaseins Deutung erhalten, und das Gebiet der Kunst, auf welches hier die Schönheit eintritt, in bestimmtere Grenzen, so wie dessen Gesetz in zureichender Gültigkeit bezeichnet werden. Bei der Lösung dieser Aufgabe treten aber die Vorfragen ein, ob die Untersuchung auf die tönende und gesungene Musik, oder auf die vernommene und gehörte gerichtet sei; ob der Zweck der Musik darin liege, ausgesprochen und gesungen zu werden, oder ob sie vorhanden ist, um gehört zu ergötzen. Ist die Aufführung eines Musikwerks nur eine Kopie des Kunstwerks, oder das Kunstwerk selbst? Oder sind Musikwerke ohne Aufführung nur verhangenen Gemälden gleich? Ist dem, welcher ohne fremde Zuhörer singt oder spielt, das eigne Hören oder die Aussprache seines Inneren die Hauptsache? Blieben diese Fragen ohne Rücksicht, so könnte es an Missverständnissen nicht fehlen. In alter Zeit sprach Athanasius Kircher, in neuer Nägeli immer nur von der gehörten, Wirkung hervorbringenden Musik, Andere dagegen nur von der komponierten, aus dem Inneren hervortretenden. Mag nun allerdings die Bestimmung eines jeden Kunstwerks sein, mit dem Sinn erfasst zu werden und zu gefallen, oder dem Geiste eine ideale Befriedigung zu gewähren, so strebt ursprünglich die Musik nach Aussprache, und will daher in Gesang und Spiel das laut werden lassen, was das Herz bewegt. Vereint finden wir das Subjektive und Objektive darin, dass die Ausführung einer fremden Komposition immer eine Reproduktion des Ursprünglichen ausmacht, und der musizierende Mensch die angeeigneten Gefühle als die Seinigen darstellt, der hörende sie in sich angeregt fühlt.

§3.
Die ästhetische Behandlung der Musik wird da, wo es auf eine systematische Grundlage und die Ableitung der Kunstregeln ankommt, durch den Mangel von Vorarbeiten erschwert. Seit langer Zeit wurde die Lehre der allgemeinen Ästhetik sorgsam angebaut und begründet, so dass jede verbessernde Untersuchung eine reichliche Vorlage vorfindet; die spezielle Poetik fand ihre Bearbeiter; nur die Musik teilte mit der Malerei das Los, zurückgestellt zu werden, und zwar zum großen Nachteil für das Allgemeine. Hätten nämlich die Ästhetiker ihre Beweisführung auch auf die Kunst der Töne sich erstrecken lassen, würden sie an vielen Stellen das Unzureichende ihrer Theoreme wahrgenommen haben. Lange schon war die Musik zur Kunst ausgebildet und das Schöne in ihr gegeben, doch sie blieb nur Gegenstand des Genusses und der Verehrung, ohne in den Gesichtskreis ästhetischer Betrachtung gezogen zu werden. Die Philosophen verachteten sie oder gingen wenigstens auf die Frage nicht ein, ob wohl auch von der musikalischen Kunst eine Wissenschaft möglich sei. Nur die Regel der Technik und der mathematische Inhalt beschäftigte die Forscher. Bis dass durch Deutsche eine Wissenschaft des Schönen und der schönen Kunst aufgestellt wurde, gebrach eine feste Grundlage. In den musikalischen Schriften, welche uns aus dem Altertume verblieben sind, macht das Ästhetische den schwächsten Teil aus. In wiefern Pythagoras in der Musik nicht allein das Gesetz wohlgeordneter Verhältnisse und die mathematische Grundlage erkannt hatte, sondern auch das Entsprechende in den Gesetzen des sittlichen Lebens nachwies, und den bildenden Einfluss der Musik praktisch erprobte, kennen wir nur im Allgemeinen. Plato erkannte auf einem höheren Standpunkt in der Musik den Ausdruck des inneren Lebens als Nachahmung der verschiedenen Gemütszustände, und legte ihr die Idee des Schönen zum Grunde, welche als sittliche Schönheit mit dem Guten vereint aus Gott stammt, und daher auch zu dem Einklang mit Gott führt. Er erhob die Bestimmung der Musik über die sinnliche Lust empor, und sprach gegen diejenigen, welche sie nur um der Ergötzung willen wert zu schätzen pflegten. Dadurch, dass er namentlich die Anwendung der Instrumente in ihrer Selbstständigkeit, ohne Worte des Dichters, als zu künstlich verwarf, wollte er die Musik dem bloßen Sinnenreiz entziehen und in das höhere Gebiet des denkenden Geistes einführen; denn auch er sah in ihr die Schöpferin der reinsten Lebensharmonie und eine Offenbarung der göttlichen Idee. Damit war die Deutung eines geistigen Wesens der Musik und der große Umfang gewonnen, in welchem die Einheit der Idee des Schönen und Guten Raum fand. Bei Aristoteles finden wir keine wesentliche Verschiedenheit diese Ansichten. Auch er sprach der Musik einen geistigen und göttlichen Charakter zu, sah in ihr eine freie Kunst, die weder dem Nutzen, noch dem Zeitvertreib diene, und wie sie in edler Betätigung des Geistes und als Mittel sittlicher Erziehung wirke. Seine Ästhetik führte nur die Lehren der Poetik gründlicher aus. Den Pythagoräern, welche sich Kanoniker nannten, und deren mathematischer Theorie trat Aristoxenus mit der Behauptung entgegen, dass in Sachen der Musik nicht der Verstand allein, sondern das Ohr entscheide, und leitete so auf die Frage hin, welchen Anteil Verstand und Empfindung und Gefühl an der Musik zugleich habe, ohne jedoch zu einer ausreichenden festen Grundlage zu gelangen. Unter den übrigen musikalischen Schriftstellern, welche meist nur die Tonordnung behandelten, kann in späterer Zeit nur Claudius Ptolemäus als der genannt werden, welcher, ohne einer Autorität zu folgen, die Lehren der Harmonie zureichender begründete, und weil er den Ursprung der Musik in dem Gemüt nachwies, auch den Charakter der Tonarten schärfer ins Auge fasste. Doch wie schätzbar auch die von den alten Schriftstellern aufgestellten scharfsinnigen Beobachtungen und Reflexionen über dieBedeutung der Musik und ihren Einfluss aufs Leben sind, so war an eine allgemeine Grundansicht und Lehre so lange nicht zu denken, als die Musik nur als die begleitende Dienerin der Poesie galt. Die Kunst eilte auch hier der Theorie voraus. Dies erzählt die Geschichte der Musik in christlicher Zeit, welche zugleich erkennen lässt, dass das bis dahin behandelte Theoretische sich nur auf die Grammatik oder den mathematisch-technischen Teil der Kunst, als Generalbass oder Tonsetzkunst, beschränkte. An das, was in den Tönen gefällt, und wie es gefällt, dachten nur Wenige. Nach kam die Musik nicht als schöne Kunst in Betrachtung, wozu ein tieferes Ergründen der Natur des Schönen vorausgesetzt wurde; dieses aber ward dann erst möglich, als das Gebiet des gesamten Seelenlebens abgegrenzt und geordnet war. Daher erwarb sich die Schule der Philosophen Wolf und Baumgarten das unleugbare Verdienst, da Schöne in das Gebiet philosophischer Forschung wieder eingeführt und neben der Logik und Ethik eine Ästhetik als Lehre vom Schönen und der schönen Kunst aufgestellt zu haben. Aber das Schöne blieb dem Vollkommenen gleichgestellt, und die Bedingungen, unter denen etwas gefällt, wurden aus dem Begriff der Vollkommenheit abgeleitet; dagegen die Erkenntnis des Schönen als eine sinnliche, immer nur für eine undeutliche und verworrene angesehen wurde. Die übrigen Künste fanden jedoch bald ihre ästhetischen Bearbeiter, die Malerei in Hagedorn und Mengs, die Skulptur in Winkelmann, die Poesie in Lessing; nur die Musik blieb zurückgestellt und man sah in ihr nur “die Darstellung leidenschaftlicher Empfindungen.” Vom Schönen war dabei entweder gar nicht oder nur nebenbei die Rede. So verblieb es, bis Kant durch die Begrenzung der Sphären des menschlichen Seelenlebens zugleich auch Schöpfer einer Kunstlehre wurde. Die Musik betrachtete er freilich nur als schönes Spiel der von außen angeregten Empfindungen, und konnte sich selbst nicht entscheiden, ob hier bloßer Sinneneindruck oder die Wirkung einer Beurteilung der Form in jenem Spiele obwalte. Ein Inhalt kommt da, wo die Töne in sich Mittel und Zweck vereinigen, und nur auf Erregung der sinnlichen Empfindung wirken, weiter nicht in Rücksicht. Gestand Kant der Musik auch die Sprache der Affekten und die durch dieselben bewirkte Erweckung ästhetischer Ideen zu, so blieb ihm nur die mathematische Form der Zusammensetzung der Empfindungen für eine daran zu knüpfende Gedankenfülle wirksam, und indem er in Beziehung auf Reiz und Bewegung des Gemüts die Musik sogleich nach der Dichtkunst ordnete, wies er derselben, weil sie bloß mit Empfindungen spielte, in Hinsicht der geistigen Kultur die unterste Stelle unter den schönen Künsten an. Die späteren Forschungen der Idealisten und Naturphilosophen führten eine wesentliche Umgestaltung herbei, indem durch sie eine Kunstwissenschaft gewonnen wurde, in welcher die Künste als Glieder eines großen Ganzen organisch geordnet erscheinen. Jene drangen auf Anerkennung einer höheren Bedeutsamkeit und einen Inhalt der Musik, und sicherten ihr den Anteil an idealer Schönheit; diese befreundeten Natur und Geist, und wiesen die Einheit Beider nach, und stellten die Verhältnisse zwischen der Kunst und Natur fest, was auf die spezielle Ästhetik der Tonkunst aufgestellt. Was nämlich unter diesem Titel aus Schubarts Papieren herausgegeben worden ist, enthält einzelne schätzbare Bausteine für den Aufbau, und was Wilh. Müller (Leipzig 1830) als Ästhetik der Tonkunst benannt hat, liegt fern von wissenschaftlicher Forschung. Hoch zu achten sind dagegen die Beiträge, welche Seidel im Charinomos und die Teilnehmer an die musikalischen Zeitung und der Cäcilia gegeben haben, wie denn auch in anderen ästhetischen Schriften vieles Scharfsinnige und Treffliche sich zerstreut findet.

§4.
Niemals aber waren wissenschaftliche Bestrebungen, die Ansichten von dem Schönen und der Kunst zu begründen, ohne Einfluss auf die Kunstbildung, sollte sich auch der Weg nicht genau nachweisen lassen, auf welchem die Lehren der Schule ins leben wirksam eintraten. Ihre eigene Bahn wandelt die Kunst, jeder Theorie vorausschreitend; dennoch werden da, wo die Lehren der Philosophie in Grundansichten des Lebens übergehen, auch in den Kunstprodukten die Einflüsse nachgewiesen werden können. Dies bestätigt die Geschichte der Musik, und sichert den Wert ästhetischer Betrachtung in Bezug auf die fortschreitende Ausbildung der Kunst. Leibnitz konnte nach seiner philosophischen Ansicht der Dinge über die allzukünstliche Musik seiner Zeit nur klagen. Wie Richardson’s Romane den Prinzipien der englischen moralisierenden Ästhetik entsprachen, Schillers Tragödien einem idealistischen Boden entstammten, so haben die von Rousseau verteidigten Grundsätze, nach denen die Musik nur dem Ohr zu gefallen hat, eine längere Zeit durchgeklungen, wie dagegen die großen Kompositionen des strengen und ernsten Stils von Händel und Bach nur in einer Zeit entstehen konnten, in welcher weder eine weiche Sentimentalität durch erkünstelte Affektionen angeregt, noch die Kunst von einer phantastischen Lebensphilosophie bedingt wurde, aber das Gemüt einen festen Glauben der Religion in sich trug, und der Verstand das Gleichgewicht gesunder Besonnenheit behauptete. Mozart drang, indem er das Schöne unmittelbar ergriff, auf Inhalt und Klarheit Beethoven was Idealist, und strebte nach Weltharmonieen, indem er befähigt war, auch dem Kleinsten und scheinbar unbedeutenden eine ideale Beziehung zu verleihen. Selbst in Hinsicht des Wertes der Musik und ihrer Arten traten von jeher die Meinungen auseinander. Da will der Eine nur die mit Poesie verbundene Musik gültig sein lassen und nennt mit Hegel die Instrumentalmusik leer und unverständig; ein Anderer lobt nur strengen alten Kirchenstil und schließt mit Händel und Bach die reihe originaler Muster ab. Nicht einmal da, wo das Wesen der Musik in Frage kommt, vermeidet man die Klippen der Extreme, und leugnet bald eine geistige Bedeutsamkeit überhaupt, bald erblickt man in der Musik die Sprache einer irdischen Seligkeit. In neuester Zeit hat sich die Trennung zweier Parteien herausgestellt, von denen die Eine in der Musik nur ein Spiel wohllautender Töne anerkennt und geradehin behauptet, je inhaltloser sie sei, desto mehr entspreche sie ihrer Bestimmung, die Andere aber Alles auf eine vorherrschende Bedeutsamkeit berechnet. Jene beachten nicht, wie bei einem bloßen Spiel mit Tönen von einem schönen Kunstwerk , welches immer eine Idee in sich trägt, nicht die Rede sein kann; diese übersehen, dass die Schönheit an sich befriedigen könne, ohne aus dem Gebiete der Erkenntnis und des Nachdenkens eine Unterlage zu entlehnen. Bei solchen Differenzen aber kann nur eine aufgehellte Grundansicht vom Wesen der Musik und von dem Schönen in der Tonkunst ein festes Urteil vermitteln und ihren theoretischen Einfluss geltend machen. Über Vieles find sind Alle einig, und es bedarf nur der Verständigung, weil auch da, wo die Meinungen sich trennen, meistens das Wahre nur schief steht, aber doch vorhanden ist. Dies kann uns zum Trost und zur Beruhigung dienen.

§5.
Ästhetik heißt die Lehre von dem Schönen oder von dem durch die Idee der Schönheit beherrschten kontemplativen Leben, im Gegensatz der Lehren vom Wahren und Guten, oder der Logik, der Metaphysik und der Ethik. Ihre allgemeine Begründung und Stellung auf dem Gebiete der philosophischen Disziplinen können wir hier als anderwärts erörtert voraussetzen, und lassen uns durch den seiner Bedeutung nicht genau entsprechenden Namen nicht stören, da er sich weder mit Geschmackslehre vertauschen, noch ohne größere Zweideutigkeit durch Kunstlehre ersetzen lässt. Hat nun die allgemeine Ästhetik das Wesen des Schönen und der Formen desselben theoretisch zu bestimmen, die durch das Schöne betätigten Seelenvermögen zu bezeichnen, und die Beziehungen aufzustellen, in denen das Schöne zu dem Leben steht, und schreitet sie im zweiten, angewandten Teile zu den Gesetzen der schönen Darstellung in de Kunst fort, so behandelt eine spezielle Ästhetik dies Alles in Rücksicht einer besonderen Kunstsphäre. Daher besitzen wir eine Ästhetik der Tonkunst, wie der bildenden Kunst und Poesie, in sofern das Schöne in Tönen oder in Gestalten und in Gedankenbildern und Worten gegeben ist, und sowohl erklärt werden soll, was das in den Tönen erscheinende Wohl-gefällige und Ideale sei, als auch wie der musikalische Künstler seinen Werken einen ästhetischen Gehalt verleihe.

§6.
Die Wissenschaft von den Tönen lässt sich dreifach als eine physikalische, mathematische, ästhetische unterscheiden. Die physische Natur des Tons, wie derselbe entsteht und vernommen wird, stellt die Akustik auf. Die Kanonik behandelt die Größen und wechselseitigen Verhältnisse der Töne und deren Verbindung, und gibt in der Tonsetzkunde die Regeln für die Anwendung. Der Ästhetik aber liegt als Gegenstand der Untersuchung die Musik als schöne Kunst vor, damit sie darstelle, wie das Schöne in Werken dieser Kunst zur Erscheinung kommt, und was ein musikalisches Produkt zum Kunstwerk werden lässt. Fern liegt ihr das formal Technische, welches in einer Anweisung zu musizieren in so weit behandelt wird, als nicht damit der Vortrag eines geistigen Inhalts verbunden ist; und selbst das Formale derjenigen Verhältnisse, welche der Melodie und Harmonie zufallen, und den Inhalt der Lehre von der Setzkunst ausmachen, kommt nicht vollständig in Betrachtung. Indem sie aber das Geistige in der Musik zur Untersuchung zieht, und von der Einkehr der Schönheit in musikalische Werke spricht, kann sie nicht sicher vorschreiten, bevor die Fragen, was die Musik darstelle und wie sie darstelle, beantwortet sind. Und so kann ihr nicht erlassen werden, von dem Wesen der Musik überhaupt zu sprechen und die gesamte Tonwelt, wie solche auch ohne vollständige Ausprägung der Schönheit gegeben ist, aufzufassen; denn irrtümlich würden wir dem Tone an sich die Schönheit zuschreiben, die nicht ursprünglich in ihm wohnt. Will man die Bezeichnung gestatten, so ist eine solche Lehre eine Philosophie der Musik.

§7.
Die folgende Betrachtung soll diese angedeuteten Aufgaben in vier Büchern zu lösen versuchen. Das erste dieser Bücher wird vom Wesen der Musik handeln, das zweite von dem Schönen in der Tonkunst, das dritte wird die Gesetze des musikalischen Kunstwerks verzeichnen, das vierte die Regeln der besonderen Musikwerke aufstellen. Der Weg wird von da ausgehen, dass wir die Grenzlinien, welche die Gebiete der Natur und der menschlichen Kunst trennen, feststellen und die ästhetischen Elemente in ihrer Sonderung von dem natürlichen Stoffe, wie in ihrer allmähligen Entwicklung bis zur vollendeten Schönheit verfolgen. Bei dem Kunstwerke angelangt, haben wir dann die allgemeine Kunstregel für das Schaffen eines musikalischen Werks aufzusuchen und die Eigentümlichkeit oder Gesetzlichkeit der bisher erfundenen und aufgestellten Arten von Kunstwerken zu erläutern.