Das Buch Biedermaier.

Gedichte von Ludwig Eichrodt und Adolf Kußmaul
sowie von ihrem Vorbild, dem "alten Dorfschulmeister" Samuel Friedrich Sauter.
gesammelt und herausgegeben von Ludwig Eichrodt.

Motto: Das Komische ist ein umgekehrtes Erhabene. Vischer.


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Vorwort.

“Gesegnetes Schwabenland, voll Obst und Wein, Weizen, Schwaben und berühmten Männern! Da ist kein Gau zu klein, er liefert der ersteren viele und der letzteren einige. Auch ihr, freundliche Hügel Knittlingens, wo ein Faust das Licht der Welt erblickte, seid gesegnet, denn ihr saht den vortrefflichen Biedermaier aus eurem Schoße erstehen. Faust und Biedermaier, welche Gegensätze! Der übergeniale Ikarus - der genügsame Biedermaier, dem seine kleine Stube, sein enger Garten, sein unansehnlicher Flecken und das dürftige Los eines verachteten Dorfschulmeisters zu irdischer Glückseligkeit verhelfen. Man könnte sich darüber streiten, ob Biedermaier auch wirklich eine äußere Beschichte erlebt habe. Bei einer kärglichen Besoldung findet dieser würdige Mann in dem tiefen Schachte seines einfachen, redlichen und heiteren Schwabengemütes die köstliche Quelle, welche ihm die Sorgen des Familienlebens verscheuchen und die Lasten des Berufs tragen hilft, den goldenen Zauber, der ihm die eintönige Prosa seiner dörfischen Umgebung paradiesisch verschönt, und das unschätzbare Elixier, welches ihn, geliebt und verehrt von seinen Landsleuten, das hohe Alter von 80 Jahren erreichen lässt, ohne auch nur ein einziges Mal wirklich krank gewesen zu sein oder mit seinem Gott und König gegrollt zu haben... Nur eines muss Biedermaier betrüben. Das Verhängnis scheint den Untergang des Geschlechtes der Biedermaier unabwendbar beschlossen zu haben. Mit ihm scheidet zugleich der letzte jener Ehrenmänner, welche unsere Väter Schulmeister genannt haben. An ihre Stelle tritt der moderne Schullehrer, der mit den Lederhosen, den Schnallenschuhen und dem Namen des alten Schulmeisters auch dessen Gemütlichkeit abgestreift hat, eine Brille trägt und - George Sand liest...

Großer Leser, etliche diese Lieder, deren auserlesenste wir hiermit gesammelt dem Druck übergeben, werden Dir schon bekannt sein. Insbesondere leben “Das alte Dorfschulmeisterlein” und das “Kartoffellied” im Munde des deutschen Volkes. Von andern klang Dir, wie eine lustige Melodie aus dem Rausch vergangener Jugendtage noch manchmal in einsamen Stunden an unserer Erinnerung vorüber summt, vielleicht ein Vers oder doch ein köstlicher Reim schon oftmals vor den Ohren, ohne dass Du Dir haft klar machen können, wo Du ihn früher vernommen. ....

Schwaben im Wonnemonat des Jahres 1853.”

(Lyrische Karikaturen, eine Anthologie von Ludwig Eichrodt. Lahr i.B. 1869.)


Obigem, vom Herausgeber dieses Buches gekürzten Vorwort des Dichters Ludwig Eichrodt sei noch ergänzend zum besseren Verständnis der Entstehungsgeschichte der in vorliegendem Buche enthaltenen Gedichte und ihres literarischen Wertes Folgendes hinzugefügt:
Ludwig Eichrodt schwebten, wie er in seinen hinterlassenen Prosaschriften erwähnte, dunkle Gestalten vor dem Auge, wie er sie schon da und dort wahrgenommen hatte. Er sah, wie viele Prosamenschen einen Versdrang haben, auch in der gebildeten Welt, und schuf so, einigermaßen durch eigene Reimlust getrieben, den Typus Horatius Treuherz, den Reimwütigen (wie er ihn später nannte). Der Spaß war verlockend, die Gedichte mehrten sich.
Bei einer Zusammenkunft mit seinem alten Universitätsfreunde, dem inzwischen verstorbenen Heidelberger Geheimen Rat und Professor der Medizin, Adolf Kußmaul, kamen beide, die “über die entstandenen Gedichte viel lachten und helles Vergnügen hatten”, auf den Gedanken, die Sammlung zu sichten, zu ergänzen und zu systematisieren. Kußmaul hütete sich damals wohl, “als klinischer Biedermaier vor seinen Studenten und Patienten zu figurieren”, wie er sich scherzhaft ausdrückte, und war für Anonymität. Aber so im Zusammenwirken wurden dann von Beiden die Biedermaier-Gestalten erfunden und gepflegt.
Die Schartenmeier-Gedichte Friedr. Theod. Vischer’s gaben die Anregung zu den “Erzählungen des alten Schartenmeier”, die zuerst, “damit die Anmaßung gegenüber Vischer wegfalle”, ohne Namensnennung und als Gedichte “Schwartenmaiers” erschienen. Vischer hatte übrigens seine aufrichtige Freude am “Biedermaier”, wie man sich kurz ausdrückte, und es wurde später von Eichrodt bedauert, dass die drei - Eichrodt, Kußmaul und Vischer - nicht zusammengewirkt hatten; schickte letzterer doch an Eichrodt, nachdem viele Freunde dessen 50. Geburtstag etwas laut gefeiert hatten, als Schartenmeier an Biedermaier das Huldigungsgedicht welches im Anhang zum Abdruck gekommen ist.
Samuel Friedrich Sauter, der alte Dorfschulmeister in Flehingen, den Eichrodt schon in früher Jugend gekannt - er ging mit Huttenfrisur (Simpelhaaren) und Stulpstiefeln umher - und dessen drollige Gedichte später in Eichrodt’s Hände fielen, ward Prototyp für die Biedermaierfigur. Wenn auch Sauter’s Gedichte mit ihrem Gemisch von echter Poesie und unfreiwilliger Komik ihrer teilweisen Ungenießbarkeit wegen nur in geringer Zahl ganz zu verwerten waren, so erwiesen sich doch entlehnte Strophen als äußerst wirksam.
Wer ist also Biedermaier? - Eine dem Namen nach von Eichrodt und Kußmaul erfundene Figur, die aber in Sauter ihren leiblichen Repräsentanten hatte. Dienten also Sauter selbst und seine Gedichte vielfach als Vorbild, so wurde die Biedermaiergestalt dich erst populär durch die in Sauter’s Geiste verfassten späteren Gedichte Eichrodt’s und Kußmaul’s, deren in ihrer Art einzigen Schöpfungen die hohe kulturelle Bedeutung inne wohnt, Figuren geschaffen und verewigt zu haben, die eine Zeit repräsentieren, welche heute als die gute alte “Biedermaierzeit” in Jedermanns Munde lebt. Wie heute der Biedermaierstil in der Architektur gepflegt wird, so möge man sich auch den ästhetischen Begriff des Biederschönen in der Literatur wieder vor Augen halten und sich an ihm erbauen. Die Wortbildung “Biedermaier” rührt aus der Entstehungszeit der hier gesammelten Gedichte her und wurde von Eichrodt - Kußmaul geprägt, unabhängig von einem Gedicht Ludwig Pfau’s 1846, wo der Name in anderm Sinne erstmals auftauchte, was Eichrodt erst in seinen letzten Lebensjahre entdeckte.
Soweit es möglich war, sind bei den einzelnen Gedichten die Namen der Verfasser angegeben, doch lässt sich bei einer kleineren Anzahl nicht mehr feststellen, welche von Eichrodt, welche von Kußmaul und welche - was auch vorkam - von beiden gemeinsam verfasst worden sind.
Die ursprünglich geplante Buchausgabe des “Biedermaier” unterblieb, da die politisch bewegte Zeit nicht dazu angetan war, und die verschiedenen Schöpfungen wurden um die Mitte des vorigen Jahrhunderts teilweise in den Fliegenden Blättern publiziert. Sie fanden zuletzt in Eichrodt’s “Gesammelten Dichtungen” Aufnahme und zwar unter den drei Abteilungen, welche die vorliegende von Professor Ed. Ille illustrierte Sammlung ebenfalls aufweist:
1. Lieder von weiland Gottlieb Biedermaier
2. Gedichte des Buchbinders Horatius Treuherz
3. Erzählungen des alten Schartenmeier
Was die drei gestalten Biedermaier, treuherz und Schartenmeier nun eigentlich verkörpern, möge in nachstehendem nach Angaben Ludwig Eichrodt’s noch weitere Erläuterung finden:
Biedermaier bietet unbewusste Komik. Sein Wesen oder der ästhetische Begriff des Biederschönen und des Biedermaiers ist die naive Spießbürgerbegeisterung für alles Hergebrachte und behaglich Beschränkte. “Gemütliche Biederzeit ist der Grundton....Selbst da, wo er das Gegenteil von Erheiterung bezweckt, muss der herrliche Menschenfreund noch seinem Nächsten Freude machen und ergötzen”; naive Beachtung der einfachsten Verhältnisse des Lebens, die der raffinierte moderne Weltmensch gar nicht mehr zu erkennen vermag, Verehrung der Autorität und Ordnung sind ihm eigen, Sein Schwager, “der unsern wohnende Buchbinder
Horatius Treuherz, schöpft köstliche Bildung aus allen Büchern, die ihm unter die konservierende Hand kommen. Er liest auch Zeitungen und ist reim- und phrasenwütig”, seine Komik ist aber ebenfalls unbewusst.
Schartenmeier dagegen ist die bewusste Biederkeit, künstliche Einfachheit zeichnet ihn aus; der tugendhaften Schönheit im Gewande des dörfischen Schulmeisters mit Lederhosen und Schnallenschuhen gegenüber ist seine Schönheit die schon etwas schadhaft gewordene des städtischen Präzeptors. Er erheitert immer absichtlich.
Alle aber gehören, wie Ludwig Eichrodt in seiner Vorrede bereits sagte, wohl schon “zu den fossilen Überresten jener vormärzsündflutigen Zeiten, wo Deutschland noch im Schatten kühler Sauerkrauttöpfe gemütlich aß, trank, dichtete und verbaute und das Übrige Gott und dem Bundestag anheim stellte”.
Im übrigen sei auf die ausführlichen Darlegungen des Eichrodt-Biografen, jetzt Gymnasialrektor A. Kennel in Kalferslautern, sowie auf die diesbezügliche, hier auszugsweise wiedergegebene Vorrede in Eichrodt’s “Gesammelten Dichtungen”, (erschienen bei A. Bonz u. Co. In Stuttgart) hingewiesen.
Frühjahr 1911.
Der Herausgeber.

Auserlesene Gedichte von Weiland Gottlieb Biedermaier.

01 - Frühlingslieder

1.
Nein, über’s Herz kann ich’s nicht bringen,
Ich muss den schönen Tag besingen,
Womit nach so viel rauher Zeit
Der Himmel wieder uns erfreut

Kind, Vater, Mutter, Base, Vetter,
Ergötzen sich am schönen Wetter,
Kein Mensch bleibt heute in dem Haus,
‘s fliegt alles wie die Vögel aus.

Die Apfel-, Birn- und Zwetschgenbäume,
Die Traubenstöck’ und Dinkelkeime
Sie alle streben schon empor
Auch ich erhebe Herz und Ohr.


2.
Tal und Hügel werden grün,
Die Bäume schlagen aus,
Ja mancher fängt schon an zu blühn
Und bildet einen Strauß

Herrlich stehen schon un hoch
Die grünen Wintersaaten,
O möchten die Kartoffeln doch
In diesem Jahr geraten!


3.
Ach Gott, der schöne Weinstock ist
In dieser Nacht erfroren,
Die Hoffnung, die den Schmerz versüßt,
Ach, Alles ist verloren.

Ein dicker Reif lag auf dem Laub,
Als man heut früh erwachte,
Der Winzer ward vor Schrecken taub,
Weil er sich Hoffnung machte.

Der Weinstock und die Frucht am Baum
Sind ganz ein Raub der Kälte,
Ein Jeder gibt dem Kummer Raum
Zu Haus und auf dem Felde.

Vier Jahre hat die Kälte itzt
Uns Obst und Wein genommen,
Wohin wird, der in Armut sitzt,
Wohin wird der noch kommen?

S.Fr. Sauter.

02 - Über das Getraid,

ein Sommerlied.

Gleichsam wie ein Ölgemälde
Reift uns wieder auf dem Felde,
In der schönen Sommerszeit,
Still und friedlich das Getraid.
Freu’ dich, Alter, freu’ dich, Junger,
Heuer gibt es keinen Hunger,
Segen spendet weit und breit
Still und friedlich das Getraid.
Wird es einen Hagel geben?
Nein, er fällt gewiss daneben:
Sicher blickt im gold’nen Kleid
Still und friedlich das Getraid.
Wäre kein Getraid vorhanden,
Sagt, wie stünd’ es in den Landen?
Schützet nicht vor teuer Zeit
Still und friedlich das Getraid?
Danket Gott im Freudenschimmer,
Dankbarkeit gehört sich immer,
Lobt den Herrn doch allezeit
Still und friedlich das Getraid!

03 - Beim Gewitter.

1.
Es donnert. Gott! Wie schrecklich ist
Des Himmels Wetternacht.
Es blitzt und donnert, guter Christ,
So hör’ doch, wie es kracht!
Gott reinigt seine Luft für uns,
Drum fürchtet euch und dankt
Dem weisen Schöpfer, ob er uns
Auch tüchtig heute zankt.


2.
Ein Wetter steht grad’ über der Erd’,
Wenn’s nur in’s Württembergische führt!
Denn tut es bei uns sich entladen,
So haben wir Hagelschaden.
Als Beispiel hat man es schon erlebt,
Dass ein Gewitter vorüber schwebt,
Der gütige Fürst von Baden
Tut sonst sich weh, in Gnaden.
Doch wenn auch Hagel sich her bewegt,
Wenn’s nur nicht in die Kirch’ einschlägt,
Mitreißend auf schrecklichen Pfaden
Des Pfarrers arme Waden.
Wie’s neulich geschehen in Grimmelsbach,
Wo auch der Herr Amtmann Ungemach
Erlitt auf der Retiraden,
Indem er war eingeladen.

04 - Lob der Natur.

Wie ist die Gotteswelt doch schön,
Wenn man gerade Glieder hat,
Gut hören tut und richtig sehn,
So schön ist es in keiner Stadt.
Die Quellen hupfen von der Höh’,
Auch Wasser ist ein guter Schluck!
Die Hasen fliehen durch den Klee
Und bilden einen Gegendschmuck.
Wie wächst der Wald beim Drosselschlag,
Zumeist in milder Jahreszeit,
Das Herz erquickt der Feldertrag,
Und auch der “Ochsen” ist nicht weit.
Dort schlenkern sie das Fleischskelett,*
Der Wadenfreund hat sein Pläsier,
Vor Freuden giegst das Bodenbrett,
Und trefflich munden Wein und Bier.
Drum labet euch in der Natur,
Dann habt ihr nicht so viel Verdruss,
Der Redliche folgt ihrer Spur,
Und oft auch der Herr Physikus.

L. Eichrodt.


* Beim Sonntagstanz.

05 - Drescherlied.

Wie trommelt der Flegel, wie tanzt er empor
Wenn munter wir klopfen dem Dinkel auf’s Ohr:
Tickili, tickili, tick tack tack!
Beuge dich, Hälmchen, nur knicketi knack!

Gib uns die Körner, du schelmisches Stroh,
Sonst schlagen wir Männer dich munter und froh:
Tickili, tickili, tick tack tack!
Körnchen, heraus mit euch all’ in den Sack!

Ja, Brüder, nur immer drauf los und drauf zu,
Nach rinnendem Schweiz ist gar köstlich die Ruh’:
Tickili, tickili, tick tack tack!
Müller und Fuhrmann, komm’, pack auf, pack pack!

O schauet, wie blinket die Tenne vom Korn!
Wie lachet der Müller! Drum immer von vorn:
Tickili, tickili, tick tack tack!
Müller, wo bist du, wo hast du den Sack?

Ei, hurtig, du weißrock, und mahl’ uns sofort,
So kommt an den Bäcker das fröhliche Wort:
Tickili, tickili, tick tack tack!
Bäcker, nun back’ uns! O back’, back’, back’!

06 - Bei Betrachtung des Sonnenuntergangs.

Dort geht die liebe Sonne unter,
Am Morgen strahlt sie wieder neu,
Es werden üble Dünste munter,
Den Guten aber macht’s nicht scheu.

Im Grab muss sich der Mensch verstecken,
Der Größte tut’s, der Sonne gleich,
Er wird sogar ein bisle schmecken,
Doch strahlt er bald im Himmelreich.
L. Eichrodt.

07 - Der Schneider von Pensa.

Wer ihn so dastehn sah,
Den Schneider von Pensa,
Dem wird es warm um’s Herz,
Ihm rollen die Tränen in das Aug’.

Der Kaiser Napoleon
War nach Paris entflohn,
Die Armee, in Eis und Wind,
War gefangen oder Tod.

Viel deutsche Brüder ach!
Kamen auch in Not und Schmach.
Gefangen transportiert
Wurden sie nach Pensa hin.

Sind keine Deutschen da?
Rief der Schneider von Pensa.
Die Worte klangen so süß
In der weiten Fremde draus.

Ihrer dreizehn er auch fand
Aus dem teuren Heimatland,
Da ward es ihm warm um’s Herz
Und er weinte vor Freuden laut.

Josef Egetmeier war’s
Im Gedächtnis du bewahr’s;
Aus Bretten vor langer Zeit
War gezogen er nach Pensa hin.

Und Jeglichem seines Stamms
Macht er schnell ein warmes Wams,
Gibt er reichlich Trank und Speis
Und ein weiches Bett zum ruhn.

Wie da Mancher getröstet schlief
Drin im Feindesland so tief!
Wollte Keinen mehr lassen ziehn
Der brave, herrliche Mann.

Und so rief er Tag für tag,
Weil das Elend ihm ging nah;
Als sie scheiden mußten von ihm,
Küssten sie die edle Hand.

O so mancher da vergaß
Seine schwarze, verfrorene Nas’
Seine krumm gelaufene Bein’
Vor inniger Dankbarkeit.

Und gerührt war jedermann
Von dem, was der Schneider getan,
Und sie dachten, im rauen Krieg,
Wie schön ist die Lieb’ und die Treu!

L. Eichrodt.

08 - Gegen die Tierquälerei.

O quälet nie ein Tier zum Scherze
Und auch zum Ernste quält es niet!
Bekanntlich unterliegt dem Schmerze
So wie der Mensch das Liebe Vieh.
Es kann euch nicht vor Amt verklagen,
Ach! um so wen'ger sollt ihr's schlagen!

Wer seinem Stier das Maul verbindet,
Der tut es auch bei Weib und Kind,
Ein Menschenfreund indessen findet,
Dass solche Taten Unrecht sind.
Sogar der Hund, der oftmals fehlet,
Hat Anspruch, dass man ihn nicht quälet.

Nach seinem frommen Ebenbilde
Schuf Gott den Menschen, das bedenkt!
O lernt von seiner Vatermilde,
Auch er hat Mitleid uns geschenkt;
Und züchtiget Rutenhieben
Die Buben, die das Vieh betrüben!

L. Eichrodt.

09 - Abendgesang.

Nun ruht, ihr matten Kräfte,
Vom Joche der Geschäfte,
Das unsern Nacken drückt.
Schau, wie der Quell der Wonne,
O Seele, wie die Sonne
Mit rotem Antlitz noch da blickt.

Geh, Sonne, immer nieder,
Du kommst ja morgen wieder,
Doch, leb' ich morgen noch?
Gott! wie vom Wetterschlage
Bin ich von dieser Frage
Gerührt: leb' ich auch morgen noch?

Die mürben Kniee wanken
Beim schrecklichen Gedanken
Der bloßen Möglichkeit:
Noch heute kannst du sterben,
Es lau'rt auf dich Verderben,
Tod und Gericht und Ewigkeit.

Entweicht, ihr Todesschmerzen,
Schon thront in meinem Herzen
Erhabne Seelenruh'
Ich lasse diese Stätte,
Nun decket mich mein Bette
Sanft wie der Vorsicht Flügel zu.

10 - Lied im Zwetschgenherbst.

Herunter, ihr Zwetschgen,
Herunter vom Baum,
Die Buben und Mädchen
Erwarten es kaum,
Ihr habt nun schon lange
Die Zweige beschwert,
Klipp, klapp, mit der Stange
Die Äste geleert!

Was wie ein Magnet wirkt,
Das nennt man magnet’sch
Was leicht sich entzwei macht
Ist zweitsch oder zwetsch,
Von zwei entsteht Zwilling,
Zwirn, Zwusel und Zwist,
Wahrscheinlich, dass Zwetschge
Ein Schwesterwort ist.

So mag es entstanden
Das Zwetschgenwort sein,
Nun ist es vorhanden,
Wir fügen uns drein,
Auch Strickstrumpf
klingt hässlich,
Am niedlichsten Bein.
Was kümmert das Wort uns,
Das Fleisch soll uns freu’n.

Juchheisa, wie’s prasselt,
Nur hurtig gepflückt,
Nur hurtig die Leitern
Stets weiter gerückt,
Gerüttelt, geschüttelt,
Gestreift und gerupft,
Gebengelt, geschwengelt,
Gestupft und gezupft.

A. Kußmaul (frei nach S.Fr. Sauter).

11 - Kartoffellied.

Herbei, herbei, zu meinem Gang!
Hans, Jörgel, Michel, Stoffel!
Und singt mit mir das Ehrenlied
Dem Stifter der Kartoffel

Franz Drake hieß der brave Mann,
Der vor zweihundert Jahren
Von England nach Amerika
Als Kapitän gefahren;

Und der, als er zurück kam
Von seinen weiten Reisen,
Die guten Dinger mitgebracht,
Die wir Kartoffel heißen.

Welch’ ein Gewächs hat Drake uns
Mit dieser Frucht geschenket!
Sagt, Freunde, ist er es nicht wert,
Dass Jeder sein gedenket?

Europa sollte diesem Mann
Auf allen seinen Auen,
Wo es nur je Kartoffel pflanzt,
Ein goldnes Denkmal bauen.

Besingt, ihr kühnen Dichter, nur
Die großen und die Weisen,
Wir sind es, die den Drake jetzt
Und die Kartoffel preisen.

Seitdem wir diese Knollenfrucht
Im deutschen Reiche sehen,
Kann keine große Hungersnot
Durch Misswachs mehr entstehen.

Gott hat sie, wie das liebe Brot,
Zur Nahrung uns gegeben,
Viel Millionen Menschen sind’s,
Die von Kartoffeln leben.

Von Basel bis nach Amsterdam,
Von Stockholm bis nach Brüssel,
Kommt Winters nach der Abendsupp’
Auch die Kartoffelschüssel.

Dank, edler Drake, habe Dank
Für deine rare Speise,
Sie nährt, sie labt, sie nützet uns
Auf hundertfache Weise.

Lasst dieser vielen Arten uns
Nur einige ermessen:
Erdbirnenschnitz und Fleisch dazu,
Das ist ein köstlich Essen.

Grundbirnen, frisch vom Sud hinweg,
Dazu ein Bällchen Butter,
Das ist - nicht wahr, ihr stimmt mit ein? -
Ein delikates Futter.

Salat davon, gut angemacht,
Mit Feldsalat durchschossen,
Der wird mit großem Appetit
Von jedermann genossen.

Gebrätelt schmecken sie auch gut,
In saurer Brüh nicht minder,
Erdbirnenknöpfe essen gern
Die Eltern wie die Kinder.

Noch eins ist mir erinnerlich,
Schier hätt’ ich es vergessen,
Auch frische Hering lassen sich
Zu den Kartoffeln essen.

Hat Jemand sich die Haut verbrannt
Und hilft kein Feuersegen,
So darf er auf die Wunde nur
Kartoffelschabsig legen.

Auch kann man in der Weberei
Damit das backmehl sparen,
Man kocht davon den Schlichtebrei
Schon seit wie langen Jahren.

Und welche Wohltat sind sie uns,
Das Vieh damit zu mästen!
Und wie viel Sorten gibt’s! Jedoch
Die Gut’sten sind die Besten.

Ein allgemeines Lob verdient
Der würdige Franz Drake,
Vom Fürsten bis zu dem, der g’winnt
Das Brot mit seiner Hacke.

S.Fr. Sauter.

12 - Lob der Salate.

Vorzüglich ist der Kopfsalat,
Wenn er dem Mittagstische naht;
Auch der aus Gurkenkost besteht,
ist ein Deliziosität.

Endivia ist als Salat
Nicht minder gut und delikat
Sogar der Sonnenwirbele
Taugt viel, sobald er mürbele.

Kartoffel- und Heringsalat
Macht mich bisweilen desperat,
Denn, krieg’ ich beide zeitiglich,
Komm’ ich vor Freud’ fast außer mich.

Schneckensalat mit Zwiebelschnitz
Ihn ess’ ich oft auf einen Sitz,
Wenn mich ein Glas Braunbier erfreut
Stammtischlings und in Einsamkeit.

Dann aber Ochsenmaulsalat,
Steht bei mir in der höchsten Gnad’,
Zichorie, Lattich, Sellerie,
Fast wie mich selber lieb’ ich sie.

Doch Brunnenkresse mild und keusch
Zum wohlgesottnen Ochsenfleisch,
Die macht vor Dankbarkeit mich stumm,
Die ist das Nonplusulterum.

L. Eichrodt.

13 - Lehrsachen.

Hilf, Himmel, dass die Jugend
In Ehrfurcht sowie Tugend
Auf diese schlimmen Erde
Von uns erzogen werde.

Durch rührende Geschichten
Lass uns sie unterrichten,
Denn lehrendes Erzählen
Wirkt sehr auf junge Seelen.

Zum Predigtamtsgeschäfte
Gib auch dem Pfarrer Kräfte,
Dass er uns, wenn wir schwitzen,
Mag eifrig unterstützen.

Seid auf der Hut vor Kindern,
Rühmt euch, gleich Bürstenbindern,
Nicht eigner Übeltaten,
Sonst müssen sie missraten.

Ja machet sie verehren
Des Pfarrers fromme Lehren,
Dass sie ihn, frei von Sünden,
Im Himmel wiederfinden.

L. Eichrodt.

14 - Gefühle der Getrennten.

Oder
Klagelied für Witwer und Witwen.

Traurig ist es, einsam sein!
Einsam sitzt man auf der Wache,
Wie der Vogel auf dem Dache,
Und guckt in die Welt hinein,
Traurig ist es, einsam sein.

Traurig ist es, einsam sein!
Wenn wir ausgehn oder kommen,
Wird kein Gatte wahrgenommen,
O dies rühret ungemein,
Traurig ist es, einsam sein.

Traurig ist es, einsam sein!
Wenn das Niesen uns begegnet,
Ist kein Mensch da, der uns segnet,
Dessen Worte wir uns freun,
Traurig ist es, einsam sein.

Traurig ist es, einsam sein!
Nur verbundne Seelen tragen
In den schwülen Erdentagen
Leichter ihren Sorgenstein,
Traurig ist es, einsam sein.

Traurig ist es, einsam sein!
Mit den Schlafenden dort draußen
Können Lebende nicht hausen,
Diese müssen wieder frei’n,
Traurig ist es, einsam sein.

A. Kußmaul (frei nach S.Fr. Sauter).

15 - Das arme Dorfschulmeisterlein.

Willst wissen du, mein lieber Christ,
Wer dass geplagt’ste Männlein ist?
Die Antwort lautet allgemein:
Ein armes Dorfschulmeisterlein.

Bei einem kargen Stückchen Brot,
Umringt von Sorgen, Mühe, Not,
Soll es dem Staate nützlich sein,
Das arme Dorfschulmeisterlein.

Noch eh’ der Hahn den Tag begrüßt,
Und alles noch die Ruh’ genießt,
Hängt’s schon am Morgenglöckelein,
Das arme Dorfschulmeisterlein.

Geendigt hat die Uhr den Lauf,
Es zieht dieselbe wieder auf,
Wälzt krächzend an dem Treibestein,
Das schwache Dorfschulmeisterlein.

Von diesem Frühgeschäfte matt,
Was Wunder, wenn es Grimmen hat,
Drum schluckt’s ein Tröpfchen Branntewein,
Das arme Dorfschulmeisterlein.

Der Tag steht nun im hellen Licht,
Das Weibchen hat auch angericht’t,
Da nimmt’s die Morgensuppe ein,
Das arme Dorfschulmeisterlein.

Jetzt erst beginnt die größte Plag’,
Sein Ämtchen sperrt den ganzen Tag
Zu Kindern in die Schul’ hinein
Das arme Dorfschulmeisterlein.

Hier ist es nun! Das Eine brummt,
Das Andre lacht, das Dritte summt
Mutwillig in das Ohr hinein
Dem armen Dorfschulmeisterlein.

Wenn’s liebevoll den Kindern wehrt
Und keines die Ermahnung hört,
So schlägt es öfters hitzig drein,
Das arme Dorfschulmeisterlein.

Ein Kind zeigt dies dem Vater an,
Und der, ein ungeschliffner Mann,
Macht ihm die größten Flegelein,
Dem armen Dorfschulmeisterlein.

So wird die Speise ihm vergällt,
Die es auf den Mittag erhält,
Nie darf sich eines bessern freun
Das arme Dorfschulmeisterlein.

Was ist denn wohl des Männchens Kost?
Nur leer Gemüs und saurer Most,
Höchst selten Fleisch von einem Schwein.
O armes Dorfschulmeisterlein!

Wenn es Mittags nicht Schule hält,
Geht’s mit der Haue in das Feld,
Und schafft, weil der Gehalt so klein,
Das arme Dorfschulmeisterlein.

Nachts macht sich’s, wann es Hunger hat,
Mit Suppe und Kartoffeln satt,
“Sonst kriegt es nichts?” ach leider, nein!
O armes Dorfschulmeisterlein!

Von Sorgen wird es aufgeschreckt,
Wenn alles noch in Federn steckt,
Und voller Kummer schläft es ein,
Das arme Dorfschulmeisterlein.

In diesem Zirkel dreht es sich
Die ganze Woch’ bedauerlich,
Kein Tag ist ohne Kreuz und Pein.
Das arme Dorfschulmeisterlein!

Fallieret oft die Kirchenuhr,
Verfehlt sich oft der Zeiger nur,
Da schimpft der Schulz und die Gemein’
Aufs arme Dorfschulmeisterlein.

Anfänglich nahm man gern vorlieb,
Wie es den Unterricht betrieb,
Jetzt soll’s ein Halbgelehrter sein,
Das arme Dorfschulmeisterlein.

Befindet sich’s bei einem Schmaus,
So heißt’s wenn’s kaum zur Tür hinaus:
“Es isst, es trinkt, es steckt auch ein,
Das grobe Dorfschulmeisterlein.

Hat’s einmal etlich’ Stückchen Geld,
Und kommt es müd’ und matt vom Feld,
Trinkt’s auch beim Wirt ein Gläschen Wein,
Das durft’ge Dorfschulmeisterlein.

Wenn nun allda der Fall geschieht,
Dass es wie Noah sich versieht,
So will es ihm kein Mensch verzeihn,
Dem guten Dorfschulmeisterlein.

Bei Leichen und in Gottes Haus
Brüllt oft ein Dummkopf neben aus -
Ach Gott, wie muss es da nicht schrein,
Das arme Dorfschulmeisterlein.

Wenn’s mit den Kindern sich nicht hält,
Zur Zeit, wo ein Präsentchen fällt,
Da büßt es, leider! merklich ein,
Das arme Dorfschulmeisterlein.

Oft macht’s der Pfarrer ihm zu bunt
Und lässt ihm keine Ruhestund -
Was will’s? es muss gehorsam sein,
Das arme Dorfschulmeisterlein.

Doch ist ihm noch der Trost beschert,
Dass seine Not nicht ewig währt,
Im Grabe - Gott, wie wohl wird’s sein
Dem armen Dorfschulmeisterlein!

S.Fr. Sauter

16 - Der schöne April.

Alles wuselt schon ins Freie,
Väter, Mütter, Lämmer, Säue,
Kinder machen Ringareihe,
Laut zerstreun sich Bursch und Maid -
O du schöne Frühlingszeit!

Spatzgezwitscher weckt den Schläfer,
Seinen Mantel lupft der Schäfer,
Auch schon einen Maienkäfer
Fand ich in der letzten Woch’,
Fliegt er heut’, so lebt er noch.

Der Herr Pfarrer geht spazieren,
Und der Lehrer darf nicht frieren,
Der Herr Bader lässt ‘s Barbieren,
Denn der Sonnenstrahl so warm
Nimmt ihn zärtlich in den Arm.

Jubilate ist es heute,
Und vorüber das Geläute,
Wieder freuen sich die Leute,
Nach der Predigt vormittags
Eilend durch den grünen Flachs.

Kirchen, Äpfel, Birnen blühen;
Morgen müssen wir uns mühen
Auf dem Acker mit den Kühen,
Doch es stärkt die gute Luft,
Wenn der Kuckuck Kuh guck! ruft.

Danket Gott, dass er da oben
Jetzt sich lässt von Herzen loben,
Seit der Wintersturm zerstoben
Und es nur noch Blüten schneit
In der schönen Frühlingszeit.

L. Eichrodt.

17 - Auf ein Mitteljahr.

Man befürchtete trotz allem Fleiße,
Dass der Jahrgang werde heuer schlecht,
Ohne Gottes edle Denkungsweise
Wäre wohl der Frohmut sehr geschwächt.

Doch es scheint, die Frucht will jetzt geraten,
Denn sie steht schon ziemlich dick im Bann,
Und vor Kinderseuch’ und Hagelschaden
Lässt versichern sich der weise Mann

Einen Mittelpreis wird doch erzielen
Der Beständer dieses Jahr gewiss,
Und im Herzen stillen Dank zu fühlen,
Gott erlaubt uns gnädig wieder dies.

L. Eichrodt.

18 - Auf den 80sten Geburtstag des Herrn Altbürgermeisters Martin.

Schlagt den Zapfen aus dem Fasse,
Das der Vierunddreiß’ger füllt
Mit dem Nasse zu dem Spasse,
Welcher unserm Martin gilt!
Achtzig Jahr ist doch ein Alter,
Und ich glaub’, er tanzt noch gar,
Wie der Herr Renteiverwalter,
Der doch in den Siebzig war!

Lustig, Freunde und Bekannte,
Lustig, liebe Schwägerin,
Lustig, lustig, Anverwandte,
Lustig ist nach meinem Sinn!

Leider, dass beim heut’gen Feste
Seine Kinder sind zerstreut,
Und sich in der Zahl der Gäste
Nur ein Einzig’s mit uns freut.
Ach!, die vielen Andern wohnen,
In Paris, in Buffalo,
Stuttgart, Sasbach - solchen Zonen,
Die wo ganz wo-anderswo!

Lustig, Freunde und Bekannte,
Lustig, liebe Schwägerin,
Lustig, lustig, Anverwandte,
Lustig ist nach meinem Sinn!

Ei, die Frau Altbürgermeist’rin
Schenkt uns Einen, welcher packt,
Da ist Feuer, da ist Geist drin -
Und was sie für Kuchen backt!
Könnt’ sie doch den Kindern schicken
Von der Bretzel auch ein Stück!
Hinter Vater Martins Rücken
Wär’ es nötig nicht, zum Glück!

Lustig, Freunde und Bekannte,
Lustig, liebe Schwägerin,
Lustig, lustig, Anverwandte,
Lustig ist nach meinem Sinn!

Alle sind sie gut geraten,
Wie’s von selber sich versteht,
Wo mit lobenswerten Taten
Stets voran der Vater geht,
Dem die Mutter geht zur Seite,
Dem die Freunde geh’n zur Hand,
Der mit sich zu Rat geht heute,
Und der morgen Ratsvorstand.

Lustig, Freunde und Bekannte,
Lustig, liebe Schwägerin,
Lustig, lustig, Anverwandte,
Lustig ist nach meinem Sinn!

Aller Waisenkinder Vater,
Und den Witwen zugetan,
Nahm er sich sogar noch spater
Des entlassnen Sträflings an.
Philipp, der sein Knecht geworden,
ist der brävste Mensch nun fast,
Welcher sonst in Süd und Norden
Der Gemeinde fiel zur Last.

Lustig, Freunde und Bekannte,
Lustig, liebe Schwägerin,
Lustig, lustig, Anverwandte,
Lustig ist nach meinem Sinn!

Staunen muss es nur erregen,
Wenn der Sinn das Alles misst,
Was nur alles unsretwegen
Schon durch ihn geschehen ist.
O, wie viele Amtsberichte,
O, wie viel hat er gemacht,
Sitzend bei dem teuren Lichte
Oft noch bis nach Mittternacht!

Lustig, Freunde und Bekannte,
Lustig, liebe Schwägerin,
Lustig, lustig, Anverwandte,
Lustig ist nach meinem Sinn!

Drum soll Vater Martin leben,
Der noch immer tätig ist,
Dem der Himmel Viel gegeben,
Und der Weniges vergisst.
Trinket, esset, tanzt und singet,
Heute ist ein schönes Fest,
Sammlet dann, was ihr nicht zwinget,
Und den Armen gebt den Rest!

Lustig, Freunde und Bekannte,
Lustig, liebe Schwägerin,
Lustig, lustig, Anverwandte,
Lustig ist nach meinem Sinn!

19 - Frauenspiegel.

Die Frauen, welche sittsam sein,
Sind ihrer Gatten Freude,
Sie nehmen ihre Herzen ein
Als fromme Augenweide.

Die Frauen alle, welche gern
Als brav gepriesen wären,
Die geben ihren Eheherrn
Nie Stoff, sich zu beschweren.

Sie suchen durch Gelassenheit,
Durch freundliches Bezeigen
Im Hause jeder Zwistigkeit
Vernünftig vorzubeugen.

Sie wollen auch dem Hausgesind
Das Leben nicht verbittern,
Wenngleich sie, für die Fehler blind,
Es niemals überfüttern.

Sie lachen ihrem lieben Schatz
Die Runzeln von de Stirne,
Und küssen ihm mit lautem Schmatz
Die Sorgen aus dem Hirne.

Sie lassen, voller Willigkeit,
Sich keine Müh verdrießen
Und springen, ihm die Lebenszeit
Durch Anmut zu versüßen.

Sie sind noch nach dem elften Kind,
Das anrutscht, gut als Mütter,
Und, wenn sie bös gewesen sind,
Verzieht sich das Gewitter.

L. Eichrodt (frei nach S.Fr. Sauter).

20 - Napoleon in Rußland.

Um die Herrschaft auf der Erde
Hub mit seinem Siegerschwerte
Und mit fürchterlichem Droh’n
Endlich sich Napoleon:
Wie der Sturmwind mit dem Meere
Zog der ruhmgekrönte Held
Mit dem ungeheuren Heere
Gegen Russland in das Feld.

Und sie konnten sich nicht helfen,
Wie die Schafe vor den Wölfen
Floh das tapfre Russenheer,
Land und Städte wurden leer.
Niemand sah man in den Straßen,
Schier ganz Moskau war entfloh’n,
Zwar erstaunt, doch sehr gelassen
Schritt herein Napoleon.

Ney, des Heeres Allerbester,
Orden trug er schier ein Sester,
Ritt an seiner Seite hin,
Denn der Kaiser liebte ihn;
Und es ließ die Stimm’ erschallen
Fest zu Ney Napoleon:
“Ney, es will mir nicht gefallen,
Meinst Du nicht, es brenzelt schon?”

Welch ein übertriebnes Feuer!
Das sind keine Freudenfeuer!
Das ist Moskaus großer Brand,
Wie er in der Zeitung stand.
Seht, in Millionen Flammen
Schlägt er über jener Stadt
Und Napoleon zusammen,
Eh’ er sich’s vermutet hat.

Zehnmal hunderttausend Reiser
Stürzen nicht, wie Moskaus Häuser,
Nicht mit solchem Krachen ein;
Feuer löset das Gestein,
Feuer packt das Holz entsetzlich,
Feuer rast in jedem haus,
Feuer jagt die Feinde plötzlich
Samt Napoleon hinaus.

Dieser flieht und schaut zum Himmel:
Vor ihm ist ein Schneegewimmel,
Hinter ihm die Feuersbrunst,
Dies erschöpfet seine Kunst.
Solches hat er nie vernommen:
Vorne heiß und hinten kalt!
Ei, da muss zu Schanden kommen
Auch der Allerstärkste bald.

Hunger, Durst mit weiten Rachen
Stürzen wie ergrimmte Drachen,
Deren Magen groß und leer,
Lechzend auf sein stolzes Heer,
Und ein Frost ergreift die Schaaren,
Schnee bedecket Alles weiß,
Die am Abend Menschen waren,
Standen morgens da als Eis.

Die verfolgten Krieger weichen.
Einmal hunderttausend Leichen
An der Beresina Strand
Der erschrock’ne Russe fand.
Denn sie bauten eine Brücke,
Drängten sich in wildem Lauf,
Traten dreimal sie in Stücke,
Gingen so schier Alle drauf.

Oberst Müller hat’s gesehen,
Er kann kühn als Zeugen stehen
Für den fürchterlichen Tag,
Weil er mit im Felde lag.
So erfroren Frankreichs Krieger
Und es floh Napoleon,
Der bezwungne Weltbesieger
Schaudernd kam allein davon.

L. Eichrodt.

21 - An meinem 70sten Geburtstage.

Vor fünfundzwanzig tausend und
Fünfhundertfünfzig Tagen stund
Ich ziemlich in Gefahr,
Denn schwer ward ich zur Welt gebracht,
Doch hat’s den Eltern Freud’ gemacht,
Dass ich ein Büblein war.

Ja siebzig Jahre sind es schon,
Dass meiner Frau, der Apollon’,
Nichts ahnte von dem Glück. *)
Wie bitter hat mich nun gemahnt,
Seit ich zum erstenmal gezahnt,
Des Lebens Ungeschick!

Und doch, obschon ein Siebziger,
Bin ich ein Mensch ein glücklicher:
Kaum einmal war ich krank.
Zwar unberufen sag’ ich’s nur,
Es denkt mir nicht, dass ich Mixtur
Aus meinem Glase trank.

Vonnöten hab’ ich keine Krück’,
Und keine Brille für den Blick,
Ich hör’ und schmecke gut;
Was schreib’ ich eine feste Hand!
Gottlob es ist mit unbekannt
Das Zipperlein, wie’s tut.

Nur geht es mir wie jedem Greis,
Dass mir die Zähne reihenweis
Ausfallen kreuz und quer;
Doch tröstet mich der Umstand auch,
Dass ich jetzt nicht zu heißen brauch’
In saure Äpfel mehr.

Und wird auch mein Gedächtnis schwach,
Dass ich oft letzte Sachen mach’
So weiß ich doch noch scharf
Zu unterscheiden Bös und Gut,
Und was ein Christenmensch voll Mut
Zur Seligkeit bedarf.

Ja loben muss ich Gott darum,
Dass er so alt und doch nicht dumm
Mich zeitlich werden lässt.
Ein unzufriedner Jubilar?
Er wäre ja ganz undenkbar
Für ein so seltnes Fest!

*) Bei meiner Geburt war nämlich meine nunmehr selige Frau ein fünfjähriges Kind.

22 - Dem Herrn Pfarrverweser Samuel Schlotterbek bei seinem Abschied von Stierbach.

Schlotterbek! Bei deinem Scheiden
Werden unsre Augen nass, -
Alle wollen dich begleiten,
Sieh’ die große Menschenmass’.
Nie war noch die Liebe größer
Gegen einen Pfarrverweser;
Sieh’, ganz Stierbach ist gerührt,
Weil es seinen Freund verliert.

Nie wird Stierbach es vergessen,
Dass es sieben lange Jahr,
Einen Schlotterbek besessen,
Und wie sehr beliebt er war.
Deine Kinderlehr’ und Predigt
Hat zum Ausspruch uns genötigt:
“Schlotterbek ist unsre Lust,
Dessen sei er stets bewusst!”.

Wir verehren die Gesetze
Eines weisen Kirchenrats,
Dieser gibt die bessern Plätze
Ältern Dienern unsres Staats,
Und erteilet dann den jüngern
Wohlbedächtig die geringern.
Schlotterbek, auch du gewinnst
Bald wohl einen bessern Dienst.

Lasse dir zum Angedenken
Einen Silberbecher weihn.
Dich nach Würden zu beschenken,
Sollt’ er freilich größer sein;
Tausend Glück und tausend Segen
Wünschen wir zu deinen Wegen,
Rufen herzlich, tränenvoll:
Schlotterbek, o lebe wohl!

A. Kußmaul.

23 - Zum Amtsantritt des Herrn Forstverwalters Rettich

Es ist uns ein Rettich von der Regierung
Versetzt in das magre Gemeindebeet,
Zur Forstverwaltung und Rektifizierung
Der Wege, wie’s heut’ im Anzeiger steht.
Wir wünschen ihm drum ein fröhlich Gedeihen,
Dass er bei uns werde schön dick und schön groß;
Jedoch nicht zu scharf, o er soll auch verzeihen,
Wenn Einer mehr Streu braucht als grade sein Los.

Denn oft ist ein Bäuerlein oder ein Wittweib
Für’s liebe Vieh in Verlegenheit arg,
Was ist dann denn schöner als christliches Mittleid,
Wie schmückt es das Amt, wenn es ist nicht zu karg.
So ein Hämpfle mehr Lesholz als füglich verstattet,
Wie kommt’s dem Taglöhner, dem armen, zu gut,
Der schon von genehmigter Traglast ermattet
Recht gern statt zu freveln am Grabenrain ruht.

Beim Windbruch kommt auch oft der Gedanken,
Dass ihn veranstaltet der grundgüt’ge Gott,
Da möge der Förster nicht allzu streng zanken,
Es macht oft ein Stängle das Abtrittle flott.
Behüte! ich bin nicht für Saumsal im Dienste,
Ich weiß, dass der Züchtigung stets man bedarf,
Ich will nicht Verschwendung und Herdfeuersbrünste,
Doch, nicht wahr, Herr Rettich, Sie sind nicht zu scharf?

L. Eichrodt.

24 - Die Schlacht bei Leipzig.

In das Zeitbuch mit Zinnober,
Nein, mit Golde schreibt ihn ein,
Deutschlands achtzehnten Oktober,
Lasst uns ihm ein Feuer weihn,
Das von freien Stücken lodert,
Nicht von oben aufgefordert.

Wie viel Wunden! Wie viel Leichen!
Mensch, was lässt du doch geschehn!
Könntest du dich nicht vergleichen,
Eh’ du gehst zum Äußersten?
Solches muss uns stets betrüben,
Denn der Mensch soll Menschen lieben.

Aber dennoch soll man ehren
Diesen deutschen Siegestag,
Wo mit heißen Freudenzähren
Der Monarch auf Knien lag,
Wilhelm, Franz und Alexander
Knieten selber bei einander.

Holder Frieden, süßer frieden,
Der dem Volk die Notdurft gibt,
Jener Tag hat dich beschieden,
Drum wird er mit Recht geliebt,
Da man kühn das Joch zerschlagen,
Das wir fünfzehn Jahr’ getragen.

Warum sollten wir auch dürsten
Noch nach einem fremden Herrn,
Fehlt es uns doch nicht an Fürsten,
Und sie führen uns ja gern.
Fort mit den Napoleonen,
Vivat unsre Landeskronen!

A. Kußmaul (frei nach S.Fr. Sauter)

25 - Die letzten Worte des Gutsbesitzers Herrn von Zips.

Kommt es einst mit mir zum Sterben,
Nun so setz' ich keinen Erben,
Ich mach' auch kein Testament,
Meinen nächsten Blutsverwandten,
Guten Freunden und Bekannten
Wird mein Nachlaß gern gegönnt.

Mich wird Niemand balsamieren,
Auch in kein Gewölbe führen,
Wozu nutzt auch diese Pracht?
Gott befehl' ich meine Seele
Und den Leib der frischen Höhle,
Die ein Totengräber macht.

Keine Frau soll mich begleiten,
Denn ich hab' an meiner Seiten
Ein solch' Kleinod nicht geküßt;
Also darf ich keine grämen,
Noch vor andern Weibern schämen,
Daß sie Witwe worden ist.

Es soll Niemand um mich trauern,
Noch in Briefen mich bedauern,
Schont das schwarze Siegellack!
Woher rührt das tolle Weinen,
In verhüllter Tracht erscheinen,
Als von heidnischem Geschmack?

Einen Leichnam zu begraben,
Sollt ihr keine Kosten haben,
Das verbittert nur das Leid.
Wenn man tot ist, geht's auch ohne
Weiße Handschuh' und Zitrone,
Diesem Dank der Eitelkeit.

Totenhemd mit teurem Spitzen
Brauchen nicht an mir zu blitzen.
Nach dem Tot ist Niemand schön,
Arme Leute aus dem Spittel
Mögen meinen Sterbekittel
Schlecht und recht zusammennähn.

Um den Nußbaum wär' es Schade,
Leget mich in eine Lade,
Die von Tannenholz besteht.
Griff und Leisten könnt ihr sparen,
Nur mit Zapfen mich verwahren,
Bis der Sarg zu Grabe geht.

Putzet mich mit keinen Rosen,
Höhnt nicht den Empfindungslosen,
Der sich nicht bedanken kann,
Füllt die hölzerne Pastete
Statt dem irdischen Geräte
Bloß mit Hobelspänen an!

Lasset keine Glocke läuten,
Denn es schauert oft den Leuten,
Wenn sich so die Anstalt häuft,
Laßt mich ohne Pferd' und Wagen
Durch sechs arme Männer tragen,
Die es weniger ergreift.

Lobt mich auch nicht nach dem Tode,
Öffnet nicht nach neuer Mode
Mich nach meinem Todesfall;
Denn was wollet ihr ergründen?
Da ist nichts Apparts zu finden,
Wie an einem Feldmarschall.

Ich will nicht, daß von den Reisen
Oder guten Handlungsweisen
Jemand nach dem Tode schreibt,
Ich will, daß ihr mich vergesset
Und das Brot mit Freuden esset,
Was von mir noch übrig bleibt!

Pyramid' und Monumenten
Über'm Grade zu verschwenden,
Laß' ich gern der großen Welt;
Fürst und Diener gleicherweise
Werden doch der Würmer Speise,
Weil der Tot vom Rang Nichts hält

Hier war Nichts an mir zu loben,*
Das Jerusalem dort droben
Ist der Ort nach meinem Sinn,
Weil ich Gott gefürchtet habe,
Lieg' ich fröhlich in dem Grabe,
Zieh' ich ohne Murren hin!**

*Damit können aber seine Mitbürger nicht einverstanden sein. - Biedermaier.
** So sagte der Verblichene; als Dichter würde ich gerne hinsetzen: "Lieg' ich furchtlos in dem Grabe, Zieh' ich freudenvoll dahin!" Biedermaier.

26 - Die Sündflut.

(In lauter einsilbige Wörter gesetzt.)

Nur Luft und See,
Kein Land, kein Baum,
O weh, o weh!
Die Arch' nur hält,
Wie weis' ist dies!
Den Keim der Welt:
Der Herr zürnt sehr,
Der Mensch, das Vieh,
Schwimmt tot im Meer!
Mensch, Kind und Schwein,
Und was das Best',
Auch schon den Wein!
Ach, ein Glas Wein
Bei Weib und Sang,
O Mensch schmeckt fein.

A. Kußmaul (frei nach S.Fr. Sauter)

27 - Warnung vor der Trunkenheit.

Wer in dem goldnen Saft der Reben
Mit frechem Muthe sich betrinkt,
Der ist nicht wert, als Mensch zu leben,
Wenn er als Tier zu Boden sinkt,
Ihm ist kein Mann von Ehre hold,
Verachtung Dir, o Trunkenbold!

So manchen Gatten, treu und bieder,
Hat schon die Trunkenheit betört,
Gottlob! daß uns ein solcher wieder
Zur Nüchternheit zurückgekehrt,
Kein Andrer war so lüderlich,
Doch seit Jakobi macht er sich.

Gott läßt den Hausstand oft zerrütten,
Um mit dem Kreuz zu winken uns,
Doch ließ er sich durch Reu erbitten
Erst eben kürzlich bei Karl Kunz,
Es war die höchste Zeit, das Amt
Bedrohte Kunzen schon mit Gant.

Drum preiset ihn, der die Geschöpfe
Nicht gerne ganz versinken läßt,
Sichtbarlich sind des Herrn Fußstäpfe,
So tretet drein und haltet fest,
Ja, haltet fest an seinem Pfad,
Der Christ geht nüchtern und gerad'.

L. Eichrodt und A. Kußmaul (frei nach S.Fr. Sauter).

28 - Lob der Schule.

Ihr Schützen, tut die Augen auf,
Lernt, lernt das A b c,
Es wird euch sonst der Lebenslauf
Nur bringen O und W.
Denn wer nicht hurtig lesen kann
Und schreiben, der ist übel dran.

So ist's in unsrer neuen Zeit,
Wo man gebildet ist,
Und Gott sich nicht an uns erfreut,
Wenn seiner man vergißt,
Leicht hatt' es David, Jonathan,
Uns hält er streng zur Bildung an.

Wenn ihr als Männer müßt zu Amt,
Wer Zeugnis geben soll,
Der ist zu schämen sich verdammt
Vor seinem Protokoll,
Das er nicht unterschreiben kann;
Seht, heißt's, den dummen Bauer an!

Und wenn im Blättle groß gedruckt
Steht die Bekanntmachung,
Ihr aber drein vergebens guckt,
So ist das Unordnung.
Wer lesen kann als Untertan,
Strafzettel leicht nicht kriegen kann.

Sitzt ihr erst im Gemeinderat
Und habt den Schulsack nicht
Im Hirn, so seid ihr desperat,
Gibt's einen Hauptbericht;
Denn, wer Nichts kontrollieren kann,
Der ist als Ortsrat hinten dran.

Gar, wenn ihr in der Kirche sitzt,
Und's heißt 308,
Wenn ihr da vor'm Gesangbuch schwitzt
Und dumme Augen macht,
Mitsingen könnt ihr nicht, o weh!
Drum, Schützen, lernt das A b c!

L. Eichrodt.

29 - Nachtlied.

Bei dem Unschlittlichte
Sitz' ich hier und dichte
Dieses Lied der Nacht,
Alle unsre braven
Bürgersleute schlafen,
Nur der Biedermaier wacht.

Horch, ein Frühlingsregen
Träufelt milden Segen,
Während Alles ruht,
Träumet froh, ihr Leute,
Eure Luft und Freude
Däucht dem Biedermaier gut.

Obrigkeit und Hirte,
Schlafet ohne Bürde,
Schlummert leicht und süß,
Ach, die besten Tage
haben ihre Plage,
Biedermaier wünscht euch dies.

Schlummre sanft, mein Liebchen,
Schlummre sanft, mein Bübchen,
Sanft mein Töchterlein,
Mit des Gatten Minne,
Treuem Vatersinne,
Biedermaier liebt euch rein.

Bei dem Unschlittlichte
Sitz' ich hier und dichte,
Nur mein Auge wacht,
Mensch und Vieh hienieden,
Allen wünscht in Frieden
Biedermaier gute Nacht.

A. Kußmaul (frei nach S.Fr. Sauter).

30 - Der Brand in Kürnbach. - (Dem Genius der löschenden Menschlichkeit gewidmet.)

Kürnbach - dieser Marktsteck zweier Staaten,
Abgeteilt an Hessen und an Baden -
Wurde neulich schrecklich heimgesucht;
Nebst drei Häusern fraß ein wütend Feuer
Noch sechs Bürgern jedem eine Scheuer
Voll von Heu und siebzehn Bürgern Frucht.

Welch' ein Jammer! Welch' ein Händeringen
Gab es da! - die Habe fortzubringen
Sprangen Hundert ihren Brüdern zu;
Aber wenig, wenig konnt' man retten,
Früchte, Schreinwert, Kleider, Weißzeug, Betten
Waren weg beinah' in einem Nu.

Wären nicht die Grenzer beigesprungen,
Weiter wär' die Wut der Brunst gedrungen,
Und vielleicht der halbe Ort verheert.
Durch die Macht der vielen Feuerspritzen
Und durch Männer, die Verstand besitzen,
Ward dem weitern Umgriff abgewehrt.

Ihre Namen will man jetzt nicht melden,
Gott wird jedem Biedermann vergelten,
Der bei diesem Brande tätig war,
Wird gewiß die vielen Dienste lohnen,
So der Mannleut', wie der Weibspersonen,
Kurz der ganzen braven Löscherschaar.

Solch ein Unglück hat in hundert Jahren
Das betrübte Kürnbach nicht erfahren,
Als ihm eins durch dieses Feu'r ist geschehn,
Und zum Unheil traf es lauter Hessen,
Diesen Umstand darf man nicht vergessen,
Weil sie fern von ihrem Lande stehn.

Möcht' mein Lied doch viele Leser rühren,
Daß sie gern ein Opfer hier spendieren,
Daß die reichen ihre Börsen ziehn!
Was den Armen aus der Feuerkasse
Wird bezahlt, ist eine kleine Masse,
Reichet nicht zum frischen Bauen hin.

A. Kußmaul (nach S.Fr. Sauter).

31 - Winterfreuden.

Nicht nur der Sommer, sondern auch
Der Winter hat sein Schönes,
Wiewohl man friert bei seinem Hauch,
So ist doch dies und jenes
Im Winter wirklich angenehm,
Besonders daß man sich bequem
Kann vor dem Frost bewahren,
Und auch im Schlitten fahren.

Das weite Feld ist kreidenweiß,
Wem machte das nicht Freuden?
Die Knaben purzeln auf dem Eis,
Wenn sie zu hurtig gleiten,
Und ist nicht die Bemerkung schön,
Bei Leuten, die zu Fuße gehn,
Daß sie schier alle springen
Und mit den Händen ringen?

Und wenn man sich versehen hat
Mit Holz, um einzuheizen,
So muß die Wärme früh und spat
Uns zum Vergnügen reizen,
Man richtet mit zufriednem Sinn
Den Rücken an den Ofen hin,
Und wärmet sich nach Kräften
Für Haus- und Hofgeschäften.

Ein altes Buch zur Abendzeit
Muß ich zumeist doch lieben,
Wenn man da liest die Albernheit
Der Vorzeit schön beschrieben,
Man sitzt und liest und freuet sich
Und danket Gott herzinniglich,
Genügsam und bescheiden
Für unsre jetzgen Zeiten.

A. Kußmaul.

32 - Bürgersinn.

Die Nacht ist für den Schlaf bestimmt,
Es hat mich oft schon umgekrümmt,
Wenn immer noch nach zehn
Leut' auf den Straßen gehn.

Mein Spitzlein bellt schon froh voraus,
Ja Spitz, nun gehen wir nach haus.
Die Zeche ist bezahlt
Und mein Laternlein strahlt.

33 - An einen Baumeister

Der Kaufmann sammelt Schätz' in der Levante,
Er sammelt Schätze in der Indier Lande,
Er sammelt Schätze in Australia,
In Afrika und in Amerika.

Es blühen rings um Attika,
Es prangen Rosen in Arkadia,
Es glänzen Lilien an Neapels Strand,
Die schönsten Blumen aus der Flora Hand;
Am Himmelszelt
Der Künstlerwelt
Erglänzen in der Höh' und Ferne
Als die erhabensten und ersten Sterne

Der alte Dädalos,
Der kühne Ikaros,
Der göttergleiche Phidias;

Athenens Stolz und Attikas,
Erwin und Angelo.
"Hochmüller", Du sollst ebenso,
Mit "Schön" dem großen Meister,
Im Kreis der Künstler und der ersten Geister,
Ein Hochgestirn am Himmel stehen
Und um den Thron des Ew'gen gehen!

Ambrosia enthält die Silberschale
Bei unsrer Festlichkeit,
Und Nektar füllt die Glaspokale -
Hochmüller lebe heut'!

Wir leeren unsre Teller,
Wir leeren den Pokal,
Das Haupt wird immer heller,
Das Zimmer wird ein Himmelssaal,

Die Musen fangen an zu singen,
Und ihre Stimmen, die da neunmal klingen,
Erhaben wie ein Wasserfall,
Vom Helikon, Parnaß, Olymp und Himmel nieder,
Sie hallen in uns Menschen wieder.

Der Himmel und die Götter schau'n erfreut
Mit heitern Angesichte
Und blendend weißem Lichte
Auf unsre Lust und fromme Seligkeit.
Doch der, des Alles hat gebaut,
Und dem Du dieses haus vertraut,
An den wir heut' zu tage glauben,
Und den uns Niemand mehr wird rauben,
Er, der der größte Bauherr ist,
Er schütze Dich, als Künstler, Freund und Christ!

Drum soll auch Wilhelm, unser Gastwirt, leben
Und seine Schwester auch daneben,
Wie der Olymp und Himmel hoch!
Sie leben tausend Jahre noch!

* Gedicht, das Herr Pfarrer Klein dem Biedermaier für seine Sammlung mitgeteilt hat.

Gedichte des Buchbinders Horatius Treuherz.

01 - Abendlied

O Musa des Gesanges,
Bemächtige dich mein,
Du Gegenstand des Dranges,
Du süße Schmerzenspein,
Komm, sitze zu mir nieder,
Und mache mit mir Lieder!

Der Tag mit seinen Plagen
Beklemmt mir oft den Sinn,
Der Abend, so zu sagen,
Schickt mir die Trösterin.
Die Musa des Gesanges
Erbarmt sich meines Dranges.

Sie kennt die zarten Schwächen
Des menschlichen Gemüts,
Und spornet uns zu brechen
Die Rosa drum des Lieds:
Damit sich ihren Düften
Des Herzens Kammern lüften.

Sie zeigt mir die Kontraste,
Sie lehrt die Harmonie,
Sie macht mich zum Phantaste,
Als wär' ich ein Genie:
Wenn sie nicht wär' zugegen,
Wo wär' ich so verwegen?

Mit meiner Meerschaumpfeife,
Bin ich der beste mann,
Und wenn ich was ergreife,
Fang' ich's zu dichten an,
Doch was ich dicht' und mache,
Das ist auch meine Sache.

Of muß ich Tränen weinen,
Daß diese Welt so schlecht,
Die Musa, sollt' ich meinen,
Macht Alles wieder recht.
Drum will ich lieber reimen
Bis sie den Sarg mir leimen!

L. Eichrodt.

02 - Politische Triolette.

1. Vormärzliche.

Freiheit, recht und Kinderzucht
Sind die Dinge, die ich singe,
Ob es mir auch Nachteil bringe
Und der Metternicht mir flucht!
Ob der Metternicht mir flucht,
Ob es mir auch Nachteil bringe,
Sind die Dinge, die ich singe,
Freiheit, recht und Kinderzucht.

Freiheit muß der Deutsche haben,
Doch Zensur ist dieses nie,
Noch auch die Bürokratie,
Treuherz sagt euch dies aus Schwaben.
Treuherz sagt euch dies aus Schwaben,
Weder die Bürokratie
Doch Zensur ist dieses nie,
Freiheit muß der Deutsche haben.

Recht verlangt der wackre Bürger,
In dem freien deutschen Staat,
Weh' dir, Nordens Autokrat,
Wehe dir, du großer Bürger.
Wehe dir, du großer Bürger,
Weh' dir, Nordens Autokrat!
In dem freien deutschen Staat
Recht verlangt der wackre Bürger.

Kinderzucht begehren wir,
Ohne sie ist nirgend Segen,
Darum soll man Lehrer pflegen,
Darum zahlt sie nach Gebühr!
Darum zahlt sie nach Gebühr,
Darum soll man Lehrer pflegen,
Ohne sie ist nirgend Segen,
Kinderzucht begehren wir.

O du deutsches Vaterland,
Deine 40,000,000,
Sage vierzig Millionen,
Knebelt dir des Zensors Hand,
Knebelt dir des Zensors Hand
Sage vierzig Millionen,
Deine 40,000,000,
O du deutsches Vaterland!

Landesfürst ist Landes Sonne,
Landständ’ sind des Landes Sterne,
Christian Maier nenn' ich gerne
Unsrer Landsnacht Mond und Wonne,
Unsrer Landsnacht Mond und Wonne,
Christian Maier nenn' ich gerne,
Landständ' sind des Landes Sterne,
Landesfürst ist Landes Sonne.

Ja es kommt der tag gewiß!
Dann erschauen wir sie in Reinheit,
Deutschlands Freiheit, Deutschlands Einheit,
Und es weicht die Finsternis!
Und es weicht die Finsternis,
Deutschlands Freiheit, Deutschlands Einheit,
Dann erschauen wir sie in Reinheit,
Ja es kommt der tag gewiß.


2. Nachmärzliche.

Deutschland, ich befürchte sehr,
Dir droht Revolution,
Denn in Frankreich donnert's schon.
Wenn man nur vernünftig wär'!
Wenn man nur vernünftig wär',
Denn in Frankreich donnert's schon,
Dir droht Revolution,
Deutschland, ich befürchte sehr!

Heil uns! Freiheit ohne End'!
Der Herr Amtmann grüßt uns schon,
Und der Zensor ist entfloh'n,
Und es gibt ein Parlament!
Und es gibt ein Parlament,
Und der Zensor ist entfloh'n,
Der Herr Amtmann grüßt uns schon,
Heil uns! Freiheit ohne End'!

Gott, was man für Sachen hört!
Dieses ist die Freiheit nicht,
Wenn man so abscheulich spricht,
Ei, wie ist mein Herz empört!
Ei, wie ist mein Herz empört,
Wenn man so abscheulich spricht,
Dieses ist die Freiheit nicht,
Gott, was man für Sachen hört!

Bürger, laßt euch nicht verleiten!
Nimmer strebt ein Biedrer sinn,
Nach Latern und Guillotin,
Solchen Unfug muß man meiden.
Solchen Unfug muß man meiden,
Nach Latern und Guillotin
Nimmer strebt ein Biedrer sinn,
Bürger, laßt euch nicht verleiten!

Christian Maier, Christian Maier,
Tritt auf deines Grabes Stufen,
Hebe mächtig an zu rufen:
"Haltet ein, ihr Ungeheuer!"
Haltet ein, ihr Ungeheuer,
Hebe mächtig an zu rufen,
Tritt auf deines Grabes Stufen,
Christian Maier, Christian Maier!

Fürchtliche Anarchie!
Rote Federn an den Hüten,
Lange Säbel, Stulpenstiefeln,
Jetzt, o Menschenfreund, entflieh!
Jetzt, o Menschenfreund, entflieh,
Lange Säbel, Stulpenstiefeln,
Rote Federn an den Hüten,
Fürchtliche Anarchie!

Danket Gott, jetzt ist's vorbei!
Dieses übertriebene Brüllen,
Sagt mir um des Himmels Willen,
Sind wir jetzt nicht wirklich frei?
Sind wir jetzt nicht wirklich frei?
Sagt mir um des Himmels willen!
Dieses übertriebene Brüllen,
Danket Gott, jetzt ist's vorbei.

A. Kußmaul.

03 - Als man mich in vornehmer Gesellschaft kränkte.

O daß ich jetzt kein Mensche wär',
Wie fröhlich wollt' ich sein,
Wie gut hat es der Esel,
Wie wohl ist es dem Schwein!

Den Menschen gäb' ich einen Tritt,
Wenn ich der Esel wär',
Da müßten sie sich schämen
Und ärgern schändlich sehr.

Wär' ich das Schwein, so lies ich gleich
In einen Saal voll Leut',
Da kämen ja die Damen
Sehr in Verlegenheit.

O weh, daß ich ein Mensch muß sein,
Kein Esel und kein Schwein,
Wie wollt' ich sie blamieren
Die stolzen Feinde mein!

L. Eichrodt.

04 - Versuch, unsere Zeit in Hexametern zu besingen.

Mitternacht war es vordem, jetzt ist es so ziemlich Mittagszeit,
Wenn nur die Reaktion nicht allzu fatal über Hand nimmt.
Zwar, und das tröstet mich recht, sich dem Geiste der Zeit zu entziehen,
Ist eine Schwierigkeit selbst für die finstern Gewalten des Stillstands,
Welche dem Fortschritte wehrt, stets vorwärts zum Lichte zu schreiten;
Freiheit, Licht und auch Recht, seit Guttenberg's edler Erfindung,
Seit Amerika ward entdeckt von Christoph Columbus,
Seit nun das Leinwandpapier und die Taschenuhr wurde erfunden,
Ist keinem Angriff so leicht wie ehemals aus jetzt gesetzet;
Aber erst seit man Zensur abgeschafft und Geschwornengerichte
Überall eingeführt hat, erschrickt die Partei der Verdummung
Schier vor sich selbst, da sie sieht, wie betört sie den Mißbrauch gefürchtet.
Darum lobsing' ich der Zeit, die gewiß noch nicht da ist gewesen,
Wo keine Inquisition, kein Autodafeh mehr ist möglich,
Weil schon die Staatspolizei sich selbst reformiert und gebessert.
Glücklich der Mann, welcher lebt in der Zeit, die der Zukunft so nah steht,
Wo sich sogar der Jesuit nicht scheut, mit dem Bahnzug zu fahren
Und mit dem Telegraphist auf vertrautestem Fuße zu stehen.
Glücklich die Zeit, wo der Fürst das Talent auch mit Orden versiehet,
Daß es nicht böslich verstimmt nur dem Wahne des Pöbels sich hingibt
Und an den Säulen des Staats ehrgeizig rüttelt und krittelt.
Schmäht nicht die jetzige Zeit, nicht dieses neunzehnte Jahrhundert,
Denn wo gab einst es, wie heut' Leihbibliotheken in Krautheim
Oder in anderen Nestern, wodurch sich die Geister entwickeln,
Daß selbst das ärmste Genie schon als Kind nimmer braucht zu ersticken
Und die misbildetste Frau durchaus nie als Hexe verbrannt wird.

L. Eichrodt.

05 - An Napoleon.

Napoleon, du Kaiser der Franzosen,
Dir weih' ich meinen Schwanenkiel,
Und fürcht' ich gleich ein wenig anzustoßen,
Ich rechne dich bewundernd zu den großen
In Militär und in Zivil.

Als erster Konsul hast du kühn geschlossen
Den Schlund der Revolution,
Und hast du menschenblut auch viel vergossen,
Aufhören mußten jene blut'gern Possen,
Die Wohlfahrt hatte nichts davon.

Zwar hast du Josefinen rauh verstoßen
Und Preußens Königin gekränkt,
Doch dachtest du des Throns, des erbelosen,
Und fürchtetest ganz triftig Preußens bloßen
Bestand, der nur von dir geschenkt.

Du warst Tyrann, es mußten sich erboßen
Die Völker gegen dich, o ja,
Doch was die Zukunft barg in ihren Schoßen,
Wer kann es wissen bei den kuriosen
Verhältnissen auf Helena?

Dort warst du wie Promöthus angeschlossen,
An dir auch nagt ein Lebensfeind,
So bleibt dein Bild von Poesie durchschossen,
Es schauderten die bleichen Zeitgenossen,
Und heut' noch murrt der Menschenfreund.

L. Eichrodt.

06 - Zur Enthüllungs-Feier des Christian Maier'schen Denkmals.

Heil! der Mitwelt ist gelungen,
Was die Vorwelt kaum gedacht,
Maier ist in Stein gesprungen
Aus der finstern Grabesnacht,
An dem städt'schen Wassergraben
Zum Genuß dem ganzen Land,
Er, der Größte, den wir haben
Aus dem Deputiertenstand!

Ausgezeichnet war sein Wirken,
Wie er selbst auch in Person,
Dieses kann gottlob verbürgen
Von dem Staat das Lexikon,
Welches wirklich überschüttet
Ihn mit beispiellosem Preis,
Und, obschon er sich's verbittet,
Dennoch es zu schätzen weiß

So besonders in der Kammer
Seine Reden klein und groß,
Wo er für des Volkes Jammer
Zog auf die Regierung los,
Doch sie konnten ihn nicht leiden,
Weil er Alles sagte grad',
Mußten ihn jedoch beneiden
Wegen seiner großen Schwad.

Gleichwohl wußt' er brav zu fristen
Weib und Kind die Existenz,
Niemals ließ er sich gelüsten
Ordensstern und Exzellenz,
Lieber, krank an Leib und Seele
Und mit einem Fuß im Grab,
Fiel der Mann von seiner Stelle,
Als von seinem Grundsatz ab.

Niemand hat sich so erprobet
Als des Fortschritts edler Sohn,
Und mit solcher Wut getobet
In der Opposition,
Darum ward ihm auch genommen
Seine schöne Professur,
Und um den Verdienst gekommen
Ist er fast durch die Zensur.

Kurz und gut, sein hohes Streben
Galt dem Volk ganz allein.
"Lieber", sprach er "gar nicht leben,
Als ein Bürokrat zu sein,
Denn von den servilen Tröpfen
Hab' ich stets mich abgewandt,
Lieber hängen mich und köpfen
Für das deutsche Vaterland!"

Und er wich von seinem Pfosten
Nie zu seiner eignen Schand',
Hat auf seines Herzens Kosten
Nie gebildet den Verstand.
Jede Zeitung, jede Zone,
Richtet' sich nach seiner Uhr,
Destowen'ger nichts der Krone
Riet er stets zum Besten nur.

Darum auch so viele Essen
Hielt man diesem Mann zum Dank,
Darum hat er auch besessen
Einen großen Nußbaumschrank,
Einen Schrank mit Glas, darinnen
Er die Becher aufbewahrt,
Die, zu ehren sein Beginnen,
Sich das Volk am Mund erspart.

Lang schon hätt' es sich gehöret,
Und wahrhaftig nicht erst jetzt,
Daß, was Jeder heiß entbehret,
Daß ein Denkmal ward gesetzt,
Länger durfte man nicht schweigen,
Und so kam man als gemach,
Wie das Bildnis kann bezeugen,
Dem Bedürfnis wirklich nach.

Nein! ein Mann, wie der gewesen,
Findet sich nicht alle tag',
Was man auch von andern Größen
Unbegreiflich's sagen mag,
So ein Mann, ein vielgeplagter,
So gemein und grundgescheit,
So ein Mann, von dem Charakter
Und von der Persönlichkeit.

Doch er ist nicht ausgestorben,
Denn er lebt im Denkmal fort,
Das er sich mit Recht erworben,
Auf mein heilig Ehrenwort!
Denn er lebt in seinen Söhnen
Und in unsern Herzen noch,
Darum laßt zum Schluß ertönen
Ihm ein dreifach Lebehoch!

L. Eichrodt.

07 - Morgenstund.

Früh aufzusein, o du Vergnügen,
Du reinster Wonne Hochbefund! (besund?)
Wer soll da lang im Bette liegen,
Wo Morgenstund' hat Gold im Mund?

Früh aufzusein erquicket Jeden,
Früh aufzustehn zwar - fällt oft schwer,
Doch wer gelanget in das Eben
Durch ein bequemes Ohngefähr!

Die größten Männer, wie zu lesen,
Die nützlich ihrem Vaterland,
Gelehrte, Feldherrn sind's gewesen,
Sie waren all' früh bei der Hand.

Erinnern will ich bloß an Solon,
Glaubt ihr, daß er lang liegen blieb?
Die Makkabäer, Christoph Kolon,
Der vulgo sich Kolumbus schrieb?

Diocletian, der große Kaiser,
Wußt' auch, warum er früh aufstund,
Und Wilhelm Tell, der kühne Schweizer,
Dacht': Morgenstund hat Gold im Mund!

So hab' auch ich - der im Vergleiche
Zu Jenen Nichts - erfahren spät,
Daß in dem menschlichen Bereiche
Vor sechs Uhr Alles besser geht.

Daß mit den Hühnern aufgestanden,
Sich noch vor Abend selbst belohnt,
Und daß sich Alle wohl befanden,
Sobald sie's nur einmal gewohnt!

L. Eichrodt.

08 - Elegie auf den Tod des Geschichtsschreibers Schmizlin von Uihingen

Lasset heut' die Leichenglocke schallen
In der Harfe Todtenmelodien,
Ach, ein großer Mann ist uns entfallen,
Schwabens Zierde, Schmizlin, ist dahin!
Ewig soll im Tempel der Geschichte
Ihres Priesters Name aufrecht stehn,
Und im Lied, im Drama, im Gedichte
Soll die Nachwelt ihn verherrlichen.

Mit dem geist der alt und neuen Zeiten
War der hingetretene vertraut,
Er enthüllte die Begebenheiten
Mit der Wahrheit unverzagtem Laut.
O Verhängnis, warum diese Härte
Über's Vaterland, war's nicht genug,
Daß der krieg mit seinem Heidenschwerte
Ihm erst jüngst so manchen Sohn erschlug?

Warum ist das Loos der Feuerköpfe
Schweres Unglück oder früher Tod,
Während die gewöhnlichen Geschöpfe
Finden lebenslang ihr täglich Brot?
Ward nur darum diesem seltnen Manne
So im Nu dies arge Lebensziel?
Fiel er darum wie die hohe Tanne,
Und ist Tannensturz ein Kinderspiel?

Aber besser so, wie es gekommen,
Als wenn Schlimmeres noch wär' geschehn,
Kann Gebrest und Alterschwäche frommen
Einem Geiste aus den Himmelshöhn?
Welcher zu den Menschen kam hernieder,
Zu belehren dieses Publikum,
Solche Geister kommen nicht gleich wieder,
Wenn sie scheiden, wissen sie warum!

Darum schäm' ich mich, mit längern Klagen
Zu entsetzen euer friedlich Ohr;
An der großen Männer Sarkophagen
Ziemt sich bloß für Dankbarkeit ein Chor.
Auf darum, und laßt uns diesen singen!
Ewig bleiben wir davon entzückt,
Daß der sel'ge Schmizlin von Uihingen
Uns mit seiner Gegenwart beglückt!

L. Eichrodt.

09 - Lehrgedicht.

Kurz nur ist das Menschenleben
Und die Kunst ist lang allein,
Jedem ist es nicht gegeben,
In der Feder gut zu sein.

Aber Jeder könnte nehmen
Gute Bücher in die Hand,
Daß er nicht sich braucht zu schämen,
Wenn man spricht von allerhand.

Bildung ziert den Freigebornen,
Hebt den Jüngling, ehrt den Mann,
Und von hinten und von vornen
Sieht man Jedem Bildung an.

Darum legt Euch an den Laden,
Aber lest nicht viel bei Licht,
Denn es möcht' den Augen schaden
Und das möcht' ich selber nicht!

L. Eichrodt.

10 - Das Menschenbewußtsein.

Wie muß ich meinem Schöpfer danken,
Daß ich nicht eine Kröte ward,
Die ohne sittlichen Gedanken
Im Kothe nur sich wälzt und scharrt.
Ich bin ein Mensch, vor Gott zu wandeln,
Kein Schamgefühl bringt mir mein Handeln.

Wär' ich ein Ochs an seiner Krippe,
Ich wüßte mir zu helfen nicht,
Kein Wort belebte meine Lippe,
Verstehen könnt' ich kein Gedicht.
Wie müßt' ich mich unglücklich fühlen,
Wenn ich nur könnte sinnlos brüllen!

Wär' ich zum Tiger gar verfluchet,
Der raubt und mordet grausen Sinns,
In Wildheit sich die Gattin suchet -
Ich schauderte zu sehn: ich bin's.
Gottlob, daß ich ein Mensch geworden,
Der nicht den Trieb hat, wild zu morden.

O, Mensch zu sein von Gottes Gnaden,
Gut sein zu dürfen, fromm und rein,
Die Vögel, Fische, Molche, Maden,
Sie ahnen nicht, was Das mag sein!
Der Seraph aber muß uns neiden,
Denn er entbehrt Familienfreuden.!

L. Eichrodt.

11 - Klage ob den Folgen der Überkultur.

Als Gott aus seinem Paradies
Den Adam und die Eva stieß,
Hat er es wohl sogleich bereut
In seiner Unerforschlichkeit.

Denn jetzt ward der Mensch bekannt
Mit seinem eigenen verstand,
Er wurde stolz, bezwang die Not
Und machte sich's bequem im Rot.

Zwar anfangs forchte man Ihn och,
Man opfert', winselte und kroch,
Doch bald erlebt' er große Schand':
Es lebt der Mensch auf eigne Hand.

Er log, er mordete, er stahl,
Er haufte wie ein Kannibal;
Sobald das Heidentum begann,
Fand man auch sein Vergnügen dran.

Es traten Leute auf sogar,
Die es bewiesen bis aufs Haar,
Es existiere gar kein Gott,
Und fügten zu dem Unglück Spott.

Zuletzt erlitt Er noch die Straf',
Daß Mancher war von selber brav,
Und jetzt erlebt Er gar die Schmach;
Man macht ihm seine Sachen nach!

L. Eichrodt.

12 - An Julius Cäsar.

Ich habe oft in Beck's Naturgeschichte
Gelesen von des Löwentieres Art,
Ich habe oft in Pfeffel's Sinngedichte
Bewundert seine Geistesgegenwart,
Nicht minder seine Großmut, seine Mähnen,
Selbst seines Brüllens wirkungsreiches Dröhnen.

In solchem Bilde tritt mir vor die Seele
Dein Geist, o Cäsar, Mann der schnellen Tat,
Ein Löwe bist du, welcher an der Kehle
Das schlimme Messer der Beschränktheit hat,
Denn Brutus sowie Cassius, engverschworen,
So hoch ich sonst sie schätze, waren Toren.

Ich frage jeden, der sich nur ein wenig
Im Leben umgeschaut, der je gewirkt
Für die Verfassung, ohne seinem König
Zu nah zu treten, der nicht ganz vertürkt,
Ich frage ihn, ob nicht die Leidenschaften
Des Pöbels ihm sein Ideal entrafften?

So war's zu deiner Zeit in Rom, o Cäsar,
Die Anarchie war schon zu weit gediehn;
Ist's da nicht besser, wenn ein Reichsverweser
Den Karren weiß dem Unflat zu entziehn?
Besonders wenn mit Löwengeist und Stärke
Er Vorschub leistet dem erhabnen Werke!

Pompejus, Cato, Cicero und Solche,
Der freien Staatsverfassung zugetan,
Die Catilina einst und seine Strolche
Schon angenagt mit gift'gem Mühlerzahn,
Die Hochgestirne waren jetzt erloschen,
War da nicht Alles leeres Stroh gedroschen?

Wie muß der Denker sich noch heute grämen,
Wenn er für Menschenwohl empfindlich ist,
Daß du, o Cäsar, göttlich von Benehmen,
Dem Vorurteile unterlegen bist;
Schon krächzten rings des Knechtsinns feile Möwen,
Und die dir folgten, waren keine Löwen!

Entschuldiget, des Cäsars große Manen,
Daß ich so frei war, euch dies Lied zu weihn,
Ein schlichter Bürger, dessen schlichte Ahnen
In Weltgeschichte nie sich mischten ein -
Doch konnt' ich nicht umhin, euch anzusingen,
In einer Zeit voll Schwäch- und Finsterlingen!

L. Eichrodt.

13 - Elegie an Griechenland unter Rom.

Damals war zu Grabe längst gegangen
Die zeitraubend leid'ge Politik,
Alle dichteten und Alle sangen,
Und bekamen's dennoch gar nicht dick.
Sophlokes war Jeder aus dem Volke,
Drohend wie die dichte Regenwolke,
Auf dem markte stand die Dichterklik.

Keiner konnte da volljährig werden,
Der nicht schon ein Trauerspiel ersann,
Und mit guter Lunge und Gebärden
Einen Hörer mindestens gewann.
Denn natürlich war das schwer, weil Damen,
Greis und Jüngling vorzulesen kamen,
Wo durch Blumen der Ulysses* rann.

Herrlich war's im Schatten der Planeten,
Wo man las und sprach in einem fort,
Jeder war der Erste der Poeten,
Kaum vernahm man noch sein eigen Wort.
Ganz verschwand bei solchen Elementen
Das fatale Volk der Rezensenten,
Denn zum Kritteln war die Zeit nicht dort.

Schöne Welt, Du bist hinabgeglitten,
Wo der Lorbeer jedes Haupt umragt,
Nur Gesichter werden jetzt geschnitten,
Wenn sich Einer vor mit Versen wagt.
Im Materialismus ganz versunken,
Dient man knechtisch, ohne Götterfunken,
Dem Gesetz der Schwere, wie man sagt.

Freilich ward auch Unfug viel geduldet
In Achaia, wie ich hören muß,
Die Gemeinden waren arg verschuldet,
Und man schwelgte nicht im Überfluß.
Aber das hat manchmal auch sein Gutes,
Und die Griechen blieben guten Mutes,
Denn nicht bitter schmeckt der Musen Kuß!

L. Eichrodt.

*Illysus. Anmerkung des Setzers.

14 - Gute Freunde

Welch' eine Freud', in einem Buch zu blättern,
Das einen schönen, festen Einband hat,
Und einen Inhalt, der mit saubern Lettern
Nach allen Flanken streut des Guten Saat;
Wie muß erst der vor Lust die Händ' sich reiben,
Der ein so gutes Buch vermag zu schreiben!

Da nehmen wir z.B. Körner's Werke,
Wo jedes Blatt ist seinen Goldschnitt wert!
Dies edle Zeugnis von Charakterstärke,
Von kühnem Sinn, von Leier und von Schwert!
Man könnte sich vor Freud' bewogen finden,
So schöne Bücher gratis einzubinden.

Den Seume sollte auch kein Mensch vergessen,
Der auf die Tugend heut' noch etwas hält,
Der an Neuschottlands Strand betrübt gesessen,
Ein Biedermann, ein Dichter und ein Held,
Und der das große Werk sich unterfangen
Und ist zu Fuß nach Syrakus gegangen!

Und auch den alten Boß, der die Luise
Besungen hat und ihres Vaters Rock,
Den Schlafrock und den Flausrock und die Lise,
Die gute Kuh und den Kartoffelstock.
Ich würde gern noch heute Essig schlürfen,
Hätt' ich ein einzigmal ihn binden dürfen.

Ja, es ist wahr, was ich erst jüngst gelesen,
Daß gute Bücher gute Freunde sind.
Was ist der Mensch doch ein betrübtes Wesen,
Wenn er nicht Freund' und gute Bücher find't?
Viel lieber schläng' ich Gras und trüge Hörner,
Als ohne Seume sein und Boß und Körner.

Ja es ist wahr und lieber will ich sterben,
Denn der Gedanke macht mich beben schon,
Den Menschen trifft kein größeres Verderben,
Als einsam sein, wie einstens Robinson,
Und also hab' ich dieses Lied gedichtet,
Noch eh' mein Weib das Frühstück zugerichtet.

A. Kußmaul.

15 - Gefühl des Lesers von Schillers Gedichten.

Kleiner Mensch, der du im Weltgewühle,
Wie ein Tropfen in dem Meer vergehst,
Und im Nichts durchbohrenden Gefühle
Vor dem eignen Werk erschrocken stehst,
Flötetest du gleich mit Engelzungen
Blieben deine Worte ja zu grob,
Doch, von edler Dankbarkeit durchdrungen,
Stammelst du ein unbescheidnes Lob!

16 - Hymnus auf Schiller.

i

Wer wird nach Klopfstock fragen,
So lang der Schiller geht,
Sich mit Graf Platon plagen,
Den niemand mehr versteht?
Komm Einer her, was will er?
Er findet es im Schiller.

Niemals mit frechen Scherzen
Verletzt er die Moral,
Ihm ging ja stets zu Herzen
Das große ideal.
Kein Mensch war diffiziler
Als seiner Zeit der Schiller.

Auf allen seinen Blättern
Ist Tugend und Geduld,
Und an den griech'schen Göttern
Ist mehr der Goethe schuld,
Denn immer zeigt als Schiller
Sich der erhab'ne Schiller.

Zwar manchmal wollt' er weichen
Vom rechten Pfad abseits,
Doch kroch er dann desgleichen
Auch wieder gern zum Kreuz,
Und nicht um's Leben fiel er
Vom lieben Gott ab, Schiller.

Daß er das Laster haßte,
Zeigt deutlich Carl von Moor,
Mit Bürgerglück nicht spaßte,
Kommt im Fiesko vor,
Doch war er gar kein Wühler,
Der edelherz'ge Schiller.

In der Kabal' und Liebe
Merkt man, was ehrbar ist,
Der Freundschaft hohe Triebe
Man im Den Carlos liest.
Den Posa und den Miller
Erfindet nur ein Schiller.

Die Religion vergöttert
Er in der Jungfrau hell,
Die Tyrannei verwettert
Er kühn im Wilhelm Tell,
Ein Scheußlichkeitsverhüller
War niemals Friedrich Schiller.

Die Wunder seines Geistes
Im Rätsel ich erblick',
Die Glocke ist, so heißt es,
Ein wahres Meisterstück,
Und selbst der Doktor Brüller
Schreibt ab aus seinem Schiller.

Des Schicksals dumpf Getöse
Bricht in der Braut herein,
Und als gefall'ne Größe
Warnt uns der Wallenstein,
Denn keinen roten Heller
Gibt auf den Ehrgeiz Schiller.

Und die Maria Stuart
Nimmt auch kein gutes End',
Schon darum dürft' in Stuggart
Bestehn sein Monument,
Des fürstlicher Enthüller
Entschädigt hat den Schiller.

Getilgt sind seine Schulden!
Und Cotta obenan
Hat mit viel tausend Gulden
Die Kinder abgetan,
Ach, Metzger oft und Müller
Verklagten ehmals Schiller.

Doch jetzt ist er im Himmel
Und jetzt geht es ihm gut,
Wo er vom Weltgetümmel
Auf einem Lorbeer ruht.
War Einer bräver, stiller
Als der bescheidne Schiller?

Die eingefallnen Backen
Schwillt jetzt ein Zephyr an,
Von vorn und hinten packen
Ihn große Männer an,
Stets leichter und stets heller
Verklärt sich unser Schiller.

Des freu'n sich alle Menschen,
Die für das Gute sind,
Und Böses kann ihm wünschen,
Nur wer ihn gar nicht kennt,
Denn Schlegel blos und Kriller
Mißhandeln unsern Schiller.

Sein Fürst verstand ihn besser,
Da herrscht nur eine Stimm'!
Er macht' ihn zum Professor
Und gab den Adel ihm,
Drum mit dem höchsten Triller
Schließ' ich mein Lied auf Schiller.

L. Eichrodt.

17 - Hymnus auf Goethe.

Es preisen alle Zungen
Den Namen Goethe laut,
Die Alten und die Jungen
Sind sehr von ihm erbaut.
Drum bin ich auch nicht blöde:
Gepriesen sei der Goethe!

Es war ihm nichts zu schwierig,
Er dichtet es geschwind,
In Trauerspiel und Lyrik
hat er den Preis verdient,
Drum, ob er sich's verböte:
Gepriesen sei der Goethe!

An seinem Werther härmt' man
Sich seiner Zeit, wie jetzt;
Das deutsche Blut erwärmt man
Am Berlichinger Göz;
Drum rufet früh und spöthe:
Gepriesen sei der Goethe!

Wen sollte nicht ermahnen
Der gottvergessne Faust,
Der auf des Lasters Bahnen
Der Hölle zugesaust;
Drum lodre die Raköthe
Gepriesen sei der Goethe!

In seinen Elegien
Hat er sich nicht geniert,
Man hat's ihm gern verziehen,
Daß man sich alteriert;
Drum tu' auch ich nicht spröde:
Gepriesen sei der Goethe!

Als alter Musenpriester
Trieb er Chinesisch noch,
Und ward er gleich Minister,
So nahm er Zeit sich doch,
Drum riefen seine Räte:
Gepriesen sei der Goethe!

Er hat gemalt, gezeichnet,
Gott und die Welt studiert,
Und sonst sich angeeignet,
Was einen Menschen ziert;
Drum, blies er auch nicht Flöte:
Gepriesen sei der Goethe!

Er schrieb den Wilhelm Meister,
Ein Buch wie andre mehr,
Das gute Herz beweist er
In seinem Hermann sehr.
Drum, gäb' es auch Emöthe:
Gepriesen sei der Goethe!

Einsamer Schlaf und Wanzen
War ihm, er sagt's, verhaßt,
Auch hat er stets die Pflanzen
Gemütvoll angefaßt.
Drum rufe Hans und Grete:
Gepriesen sei der Goethe!

Selbst an der Farbenlehre
Schrieb dieser große mann,
Und das ist doch so schwere,
Daß man nur staunen kann;
Drum, ob man mich auch töte:
Gepriesen sei der Goethe!

Bettina, die so kindlich,
Sprach ihn als Freundin an;
Auch sagt' er Vieles mündlich
Dem treuen Eckermann;
Drum, noch als alter Schwöthe:
Gepriesen sei der Goethe!

Die Ordnung mußt' er lieben,
Sah reine Handschrift gern,
War selbst gut angeschrieben
Bei August, seinem Herrn;
Drum schmettre die Trompete:
Gepriesen sei der Goethe!

Daß ein Genie nicht rauche,
Das hat er selbst gesagt,
Ob allzuvielem Lauche
Hat er in Rom geklagt,
Drum, war ihm noch so öde:
Gepriesen sei der Goethe!

Bei seinem Freund, dem Schiller,
Ist ihm die Zeit entfloh'n,
Auch sprach er mit dem Müller*
Und mit Napoleon;
Drum sagte der zum Wrede:
Gepriesen sei der Goethe!

In seinen alten Tagen
Bescheidener als nie,
Beschrieb er mit Behagen
Seine Biographie.
Drum ohne Wiederrede:
Gepriesen sei der Goethe!

Als Weisester der Weisen
Starb er im Tode ab,
Ach, Feder sollte reisen
An sein berühmtes Grab;
Worauf ich schreiben täte:
Gepriesen sei der Goethe!

L. Eichrodt und A. Kußmaul.


*Johannes.

18 - Große deutsche Literaturballade.

Gegen Abend in der Abendröte,
Ferne von der Menschen rohem Schwarm,
Wandelten der Schiller und der Goethe
Oft spazieren Arm in Arm.
Sie betrachten die schöne Landschaft,
Drückten sich die großen edlen Händ',
Glücklich im Gefühl der Wahlverwandtschaft
Unterhielten sie sich exzellent.

Dieser war schon etwas grau von Haaren,
Jener zwar nicht weit vom frühen Grab,
Aber grad' in seinen besten Jahren
Als ein Dichter und geborner Schwab.
Keiner tat dem Andern was verhehlen,
Sie vertauschten ihre Lorbeerkränz',
Und die schöne Harmonie der Seelen
Trübte nie der Wahn der Konvenienz.

Sehen Sie, so redete der Goethe,
Dort die edle Pflanze in dem Gras,
Jenes Steingebilde, diese Kröte,
Dort den Schmetterling und dies und das,
Und - die Sonn', erwiderte verwundert
Drauf der Schiller, sehen Sie, o Freund,
Eben, seh'n Sie, eben geht sie unter!
So hab' ich's im Räuber Moor gemeint.

Und ein andermal begann der Schiller,
Als sie wandelten am Wiesenbach,
Und der Goethe wurde immer stiller,
Während der entzückte Schiller sprach:
Sehen Sie, wie diese Wellen fließen,
Ohne Ruh und ohne Rast dahin,
Wie die Menschen alle wandern müssen,
Und die Zeiten unaufhaltsam fliehn!

Herrlich ist, was Sie mir da bemerkten,
Gab der Goethe seinem Freund zurück:
Hören Sie, daß Sie mir da bestärkten
Meine Meinung von des Menschen Glück.
Alles seh' ich gleichsam in dem Wasser,
Form und Ordnung, Maßstab und Bezug,
Vieles Trefflich bin ich Verfasser,
Doch am Ende sei's gerad' genug.

Alexander und Homerus starben,
Dieses ist das Loos von Allem fast.
Und was sagen Sie denn von dem Farben,
Welchen ich so sorgsam aufgepaßt?
Geht es Ihnen auch so sehr zu Herzen,
Herr Geheimrat, das Ideal?
Mich ergreift, ich weiß nicht, darf ich scherzen,
Himmlisches Behagen auf einmal!

Unter solchen göttlichen Gesprächen
Schritten die verklärten Dichter oft
In des Waldes unbetretnen Schlägen,
Bis es dunkel wurde unverhofft.
Und die weltberühmtesten der Verse
Machten miteinander unterwegs
So der Dichter Tell's und der das Lerse,
Eingedenk des großen Künstlerzwecks.

Zum Exempel jene Prachtballaden
Von dem frommen Knechte Fridolin,
Von der Bürgschaft vielverschlungnen Pfaden,
Von dem Gotte und der Müllerin;
Ferner jene Xenien, unergründet,
Die der Genius des Jahrhunderts sann,
Daß der Mensch, der solche Bücher bindet,
Vor Erstaunen sich nicht helfen kann.

Manchmal blieben sie auf einmal stehen,
Wie in plötzlicher Versteinerung,
Tief durchschauert von dem heil'gen Wehen
Gegenseitiger Bewunderung.
Auf dem Rücken faltete die Hände
Dann der Goethe, eh' man sich's versah,
Und so ganz in seinem Elemente
War der große Schiller da.

Hochbegeistert schwebten sie nach Hause;
Jener brannte schon vor Ungeduld,
Dieser knitterte an seiner Krause,
Bis er stünd' an seinem Schreibepult.
Sehe nun ein Jeder, wie er's treibe,
Sprach der Ältre zu dem Jüngeren,
Der versetzte mit verneigtem Leibe:
Geh Du rechtwärts, laß mich linkwärts gehn!

Und bis zu der nächsten Morgenröte
Schrieb der Schiller an dem siebten Band,
Und den dreißigsten diktiert der Goethe
Seinem Sekretär noch in die Hand.
Still und dunkel auf den Straßen war es,
Nur die Lampe brannte wieder hell
In den Zellen unsres Dichterpaares,
Mahnend an der Wahrheit Strahlenquell.

Fragt ihr nun, ihr lieben deutschen Brüder,
Welche Lehr' aus diesem Lied der Lieder
Der vernunftbegabte Leser zieht?
O begreifet, daß der Freundschaft Flöte
Die Musik der Sphären weiter spinnt,
Daß man spricht vom Schiller und vom Goethe
Wo zwei Deutsche nur versammelt sind!

L. Eichrodt

19 - Europäisches Reimereißen.

Wie einst der Assyrier
Über die Chaldäer
Und Phönizier wurde Herr,
Über die Hebräer,
Wie das Reich sodann zerfiel
In mis'rable Schlacken,
Und es war ein Kinderspiel,
Alles einzusacken -

So gemahnt es heute mich
Mit Europas Staaten,
Welche eifersüchtiglich
In Tumult geraten;
Rußland holt sich Asia,
Reißt uns aus den Bügeln,
Schließlich wird Amerika
Alles überflügeln.

Ausgeschlagen liegt vor mir
Beckers Weltgeschichte,
Und mich überrumpelt schier
Fülle der Gesichte:
Ich versteh' die Gegenwart
Aus entschwundnen Zeiten,
Und die grelle Zukunft starrt
Mir aus Schreckensweiten.

Aber niemand soll es mir
Übel nehmen heute,
Wenn ich in die Ferne stier'
Allzu schwarz, o Leute!
Altes Magenleiden hat
Wieder mich befallen,
Weil ich ließ nach Feldsalat
Meinen Ruf erschallen.

Meine Frau ist überhaupt
Viel zu viel nachpflichtig,
Hat sie mir Salat erlaubt,
Steht mein Kopf nicht richtig,
Doch - sie ist dem Dichten gram,
Dem ich wütig fröne,
Hofft, ich würde so noch zahm
Und mir's abgewöhnen.

Aber da kennt sie mich schlecht,
Der ich einst, o Leute,
Kämpfend nur für Licht und Recht
Die Zensur nicht scheute.
Von Charakter und von Geist
Ich ein Mann soll beben
Vor der Ehehälfte? Schmeißt
Lieber mich in Gräben!

L. Eichrodt.

20 - Zeitlaufgedanken.

Was spinnt Ihr unerlaubte Ränke,
Ihr Diplomaten, klein von Wuchs?
Der Danaheere Spottgeschenke
Bringt ihr den Völkern, o des Fluchs!
So wird die oriental'sche Frage
Ja nicht gelöst, das liegt am Tage.

Der Türk', er zahlt nicht, und der Russe
Treibt Würfelspiel gelegentlich,
Die Balkanadier im Verdruße
Zerfleischen sich noch unter sich.
Wer sorgt, daß Lüg' und Arglist bebe,
Der Volkswohlstand sich endlich hebe?

Auch ich verstünd" es umzumalen
Europens Karte Zug um Zug,
Wenn nicht des Weltgeschicks Annalen
Verderblich Schwankten schon genug.
Mir soll den Blick die Zeitung schärfen,
Die Einmischung - muß ich verwerfen!

L. Eichrodt.

21 - Schwanengesang.

Ich sing' es kühn als meines Vaters Sohn,
Ich sing' es laut durchs Donnern und durchs Blitzen
In meiner Überzeugung Bariton:
Vor allem muß der Bauer Geld besitzen!
Denn wenn der Landwirt harte Thaler hat,
Kann er und wird sich in der Stadt was kaufen,
Das kommt zu gut, versteht sich ja, der Stadt,
Glaubt nicht, daß er bloß sparen will - und saufen.
Dann wird sich wenden das betrübte Blatt,
Wenn jeden auch erfreut sein bißchen Schnaufen,
Und anders werden wir nicht alle satt.

Freihandel ist und bleibt ein hohes Wort,
Frei soll der Mensch ja, schon moralisch, handeln,
So sollt' auch bei dem Ex- und dem Import
Nichts hemmen je sein Hin- und Wiederwandeln.
Doch so ist einmal die Beschaffenheit
Der Menschen und der Dinge stets im Bunde
Mit den Verhältnissen, daß Widerstreit
Sich muß entwickeln auf dem Erdenrunde.
Ihr haltet das vielleicht nicht für gescheit?
Doch gibt davon das Altertum schon Kunde,
Daß sich der Staatsmann richtet nach der Zeit.

L. Eichrodt.

22 - Lied der Säulenheiligen.

Dreihundert Jahre wollen wir
Uns Gott, so Gott will, weihen,
Schon siebzig Jahre stehn wir hier
Auf Säulen hoch im Freien.

Wenn er uns Regenwetter schickt,
Daß wir durchnässet triefen,
Wir stehen heiter, unverrückt,
Der Herr will uns nur prüfen.

Wenn er im Blitz und Schloßen kömmt,
Uns donnert um die Ohren,
Wir werden doch nicht weggeschwemmt,
Wir haben keine Moren.

Wir essen nicht, wir trinken nicht,
Wir sammeln nicht in Scheunen,
Wir schlafen wie der Gänsericht
Auf einem von den Beinen.

Wir büßen für die böse Welt
Die eigenen Vergehen,
Und ob auch Katzenhagel fällt,
Wir lassen's halt geschehen.

O Herr, du lohnest uns einmal
Im Jenseits unser Ringen,
Wo wir entrückt der Erdenqual
Dein Loblied endlos singen

Wir bitten dich, o Schlaf nicht ein
Bei unsern langen Chören,
Und lohne unsrer jetz'gen Pein
Durch gnädiges Anhören.

Was haben Ander's angestrebt
Die Kröten ohne Nahrung,
Die über tausend Jahr' erlebt
In steinerner Verwahrung?

Und Menschen, sollten sie nicht schon
Soviel als Kröten können?
Das sagen nur, die uns den Lohn
Schändlicherweis mißgönnen!

L. Eichrodt.

Erzählungen des alten Schartenmeier.

01 - Der verlorene Sohn

oder
Lästerliche Lebenswandel, traurige Schicksale, doch endliche reuige Heimkehr Balthasars von Mesopotamien, im Triumphe der Reimkunst.


In dem Land Mesopotamien,
Fruchtbar durch des Euphrat Schlamigen,
Lebt’ einst, fern von Babylon,
Damian, ein Ökonom.

Ungeheuer reich war selbiger,
Hatte tausend Küh’ und Kälbicher,
Pferd und Esel, Schaaf und Rind,
Und zwei Söhnlein auch als Kind’.

Kinder gleichen sich nicht allemal,
Sagt der weise König Salemal;
Ist auch ähnlich das Gesicht,
Gleichen sich die Herzen nicht.

Also war auch Damian
Zwofach aufgeprotztem Samian
Ähnlich zwar das Angesicht
Aber ihre Herzen nicht.

Morgens früh schon ging der Michael
In das Feld mit seiner Sichael,
Half den Knechten beim Geschäft,
Wies auch oft die Mägd’ zurecht.

Balzers Mut stand fröhlich anderweit,
Ihm mißfiel die rauhe Handarbeit,
Der Herr Pfarrer meinte drum:
Tut ihn auf das Studium!

Seine Mutter Athanasia
Liebt’ ihn ohne Ziel und Matzia,
Hat’s beim Vater durchgedrückt,
Daß er ihn zur Hochschul schickt.

Man erzählt vom alten Babylon
Wunderbare Pracht und Fabylon,
Dort schrieb man ihn ein als Fuchs
Doch statt Jus trieb er nur Jux.

Und er lebt in dulci Jubilo
Und in einem ew’gen Nubilo,
Wein und Bier, wie auch Likör,
Trank er täglich mehr und möhr.

Leider aber die Kollegien
Ließ er gänzlich unterwegien,
Von dem Babylonier-Corps
Ward er bald der Senior.

In den Gärten der Semiramis
Spielt’ er manchen Schlauch und Bierramis*
Und ergab sich allgemach
Pharao und derlei Sach.

*(Der Bierrams ist wie das Pharao eigentlich ein egyptisches Spiel, erfunden angeblich von Ramses II. Auch Schlauch erinnert an die alten Weinschläuche Egyptens, dieses Mutterlandes aller Kultur.)

Auch der Liebe tat er huldigen,
Dies bracht' ihn zumeist in schuldigen
Und der Schlimme Zeitvertreib
Ruiniert' ihm Seel' und Leib.

Endlich war er gar zu liederlich,
Seine Bein' und Hände zitterlich,
Und auf seinem Haupte war
Auch nicht mehr ein einzig Haar.

Sich zu machen zahlungsfähiger,
Kam er an die Manichäiger,
Dies hat ihn so weit gebracht,
Daß er aus dem Staub sich macht.

Da er nächtlich schied von Babylon,
War's ihm ziemlich miserabylon,
Und er ging hinaus auf's Land,
Wurde ein Komödiant.

Jetzt als Priester von der Thalia
Trieb er allerlei Skandalia,
Zog von Dorf zu Dorf herum
Und entsetzt' das Publikum.

Schweinepriester war er immerdar,
Und ein schlaues Frauenzimmer war,
Wenn er sich zu fassen schien,
Immer wieder sein Ruin.

Da geschah zu seiner Läuterung
Eine große Not und Teuerung,
Eine Vieh- und Menschenplag',
Wie man's kaum gedenken mag.

Niemand ging mehr in Komödien,
Und sein letztes Hemde flötigen,
Als ein Schwein hirt aß er nun
Trebern, wie die Schweine tun.

Solche Kost kann nicht wohl sättigen,
Mager bald wie ein Skelettichen,
Sehnt nach Hause sich sein Geist
Zu des Vaters Hammelfleisch.

Und er wandert mit Geschwindigkeit,
Tief bereuend seine Sündigkeit,
Ohne Strümpfe, Hemd und Hut,
Fort nach seines Vaters Gut.

Da man's Vieh zu Mittag tränkete,
Damian an gar nichts denkete,
In der Küch' die Mutter war,
Sieh da kommt der Balthasar.

Ei, du Strolch und Erzlumpazius,
Galgenstrick und Hauptkujazius,
Welcher Wind führt dich in's Reich,
Ei, wo ist mein Farrenschweif?

Balthasar warf sich auf's Esterich:
Hau nur zu, denn ich trieb's lästerig!
Doch die Mutter kommt, zum Glück,
Und der Vater weicht zurück.

Und in heißen Tränen bitterlich
Klaget laut das gute Mütterlich,
Küßt ihn und ruft ohne End':
Ach, mein Balzer, mein Student!

Und der Vater alsbald umgewandt
Hat zu allen Nachbarn 'rumgesandt
Und zur großen Gasterei
Seinen Sohn bekleidet neu.

Um den Mondschein zu beseitigen
Seines Schädels für den Heutigen,
Mußt' ein altes Handschuhpaar
Lassen seines Pelzes Haar.

Spät kam, als der Abend dämmerte,
Michel heim vom Feld und jämmerte,
Weil Musik er hört und Tanz,
Sparsam war er gar und ganz.

"Euer Bruder kam, der Balthasar,
Darum tanzen sie den Waltasar,
Haben auch ein Kalb gemetzt,"
Hat ihm drauf ein Knecht versetzt."

Zornig stampfte da der Michael;
Knecht' und Mägd' und das Geflüchael
Flohen hocherschreckt in's Haus,
Und der Vater trat heraus.

Micheln wieder zu begütigen,
Trat er jetzt zu dem Wütigen,
Redet ihm in's Herz gelind:
Komm herein und sei kein Kind!

Komm herein und tanz den Schottischen
Mit des Jakobs rotem Lottichen,
Zwanzigtausend bringt sie mit,
Wird um sie, weil ich dich bitt'.

Geb' dir gleichfalls soviel Baaria,
Aber laß die Larifaria,
Geb' das halbe Gut dir gleich,
Aber komm herein und schweig!

Gott bewahr, ich bin nicht knauserig,
Schau, die Alte ist ganz außer sich.
Willst du Kuchen, willst du Wein?
Sei vernünftig, komm herein!

Komm herein und tanz den Schottischen
Mit des Jakobs rotem Lottichen,
Freu dich, weil der Herr Student
Wiederum zu Hause send!

A. Kußmaul und L. Eichrodt.

02 - Fridolin.

Gern sing' ich den Biedersinn
Des Barbiers, des Fridolin,
Aber Käthchens falsche Art
Zu erzählen, fällt mir hart,
Denn dies Nähtermädchen hat
Aufgebracht die ganze Stadt.

Käthchen hatt' ein schön Gesicht,
Sittsam aber war sie nicht,
Fridolin hat mit Verstand
Dieses allzuspät erkannt. -
Ach, es macht uns sehr betrübt,
Wenn man solche Mädchen liebt.

Schon in früher Morgenstund'
Machte Fridolin die Rund',
Eilend in der Stadt herum,
Und bedient' das Publikum,
Seines Messers flinker Schnitt
Bracht' ihm Ehr' und Appetit.

Doch bei Tage wie bei Nacht
Hat er Käthchens nur gedacht,
Wie ein Bild an einer Wand
Sie vor seinem Geiste stand,
Nachts erblickt' er sie im Traum
Und bei Tag im Seifenschaum.

Einen Hut mit Seidenband
Kauft' er und ein schön Gewand,
Käthchen ward mit Recht entzückt,
Weil er ihr so Vieles schickt,
Und mit einer großen Scham
Nannte sie ihn Bräutigam.

Für die unbefleckte Ehr"
Schien das Mädchen sorgsam sehr,
Abends schloß sie ihre Tür',
Fridolin durft' nicht zu ihr,
Auf daß ihrer Unschuld nicht
Schaden in der Nacht geschicht.

Nur bei hellem Tagesschein
Ließ sie ihn in's Kämmerlein,
Und vergönnt' ihm einen Kuß
Zum beglückenden Genuß;
Kam der Abend dann herbei,
Ging er in die Brauerei.

Spät noch eines Abends saß
Fridolin beim Gerstenglas,
Freute sich mit reinem Sinn
Auf den nächsten Morgen hin,
Und gedacht' in einem Jahr
Sie zu führen zum Altar.

Plötzlich sprach zu ihm ein Freund,
Bastian, der's redlich meint:
Ei pfui tausend, Fridolin,
Duldet dies dein Biedersinn,
Daß ein Reiteroffizier
Schleicht zu Käthchens Kammertür'?

Dieses Wort des Bastian
Faßt ihn sehr mit Schrecken an,
Mit den Beinen greift er aus
Eiligst nach der Liebsten Haus,
Und mit einem starken Stoß
Sprengt er das Pariser Schloß.

Da beim Lampenscheine sah -
Großer Gott, was sah er da?
"Großer Gott, verleih' mir Kraft,
Nein, das ist nicht tugendhaft,
Käthchen, nein und dreimal nein,
Käthchen, Du bist nicht allein!"

Fridolin, vom Zorne rot
Fand die Worte nur mit Not:
"O du ungetreue Braut,
Meinst Du, daß mich das erbaut?
Bei Dir ist ein fremder Mann,
Gott wie greift mich dieses an!"

"Käthchen, Käthchen, meine Pflicht
Duldet solchen Unfug nicht,
Käthchen, noch in dieser Nacht
Ist die Brautschaft ausgemacht,
Käthchen, wenn der Morgen graut,
Hat der Pfarrer uns getraut!"

Als sie dieses Wort vernahm,
Weinte Käthchen sehr von Scham,
Sprach gerührt der Offizier:
"Solches kam mir niemals für,
Fridolin, du edler Mann,
Sei mein Freund von heute an!"

Wer auf eine Led'ge traut,
Mensch, der hat auf Sand gebaut,
Denn ein Windhauch ohne Spur
Ist des Mädchens Liebesschwur,
Weislich knüpft der biedre Mann
Fest'res Band im Ehstand an.

A. Kußmaul.

03 - Mythus vom ersten Bruder Liederlich.

Unweit von dem Paradies,
Wo sich Adam niederließ,
Hat's auch Eva unternommen,
Und ist zwofach niederkommen.

Höflich riefen alle Leut':
Welche große Ähnlichkeit;
Der ist ganz der alte Adam,
Und der blonde die Madam!

Und von diesem Zwillingspaar
Hieß der Jüngre Abel zwar,
Weil er brav versprach zu werden
Unter Schaaf- und sonst so Heerden.

Kain ward zu seiner Schand"
Gleich der Rotkopf zubenannt,
Denn an seiner Stirne mächtig
Trug ein Mal er sehr verdächtig.

Das verursacht stillen Gram
Adam, als er wahr es nahm,
Und ihm schwante wenig gutes
Von dem Setzling seines Blutes.

Aber Eva, seine Frau,
Nahm es nicht so sehr genau,
Ließ den Knab im Wald sich tummeln
Bei den Käfern und den Hummeln.

Langsam wurden Beide groß,
Und der Kain sittenlos.
Aber schüchtern auf den Nabel
Sah sich stets der sanfte Abel.

Als die Hosen und das Wams
Waren nun verwachsen ganz,
Schickt der Adam, dieser Sünder,
An die Arbeit seine Kinder.

Abel dünkte sich ein Graf,
Als er hüten durft' die Schaf'!
Kain schätzte sich ein König,
Als er jägdeln durft' ein wenig.

Nach vollbrachtem Tagewerk
Haben sie sich dann gestärkt,
Und behaglich in Pantoffeln
Aßen sie zu Nacht Kartoffeln.

Als die Mahlzeit war zu End',
Wuschen sie die langen Händ',
Haben sich die Pfeif' gestopfet
Und ein Tier am Berg geopfert.

Während in den Himmel hoch
Abels Opfer rauchte, kroch
Kains Rauch hinab zur Höllen,
Das verdroß den Waldgesellen.

Darum eines Abends spat
Grübelt er auf Übeltat;
Als der Abel goß den Lattich,
Stellt sich Kain hin, wo's schattig.

Seht, er richtet seine Flint'
Auf das Bruderherz geschwind,
Ernst, besorg' ich, will er machen,
Kain, was sein das für Sachen!

Hoffentlich drückt er nicht los!
Nein, das ist gewissenlos! -
Das ist nicht bloß unvorsichtig,
Das ist schändlich, niederzichtig!!

Adam, als er wahr es nahm,
Stößt ihm auf der alte Gram,
Stürzt herbei mit seiner Gattin
Und versetzt: o Gott, es hat ihn!

Hilfe, liebe Nachbarsleut'!
Was ist unserm Abel heut'?
Solches kann ich nicht kapieren,
Weiß ihn Keiner zu kurieren?

Immer steht noch Alles dumm
Um den armen Abel 'rum,
Plötzlich fängt man an zu wissen,
Daß ihn Sterbfall eingerissen.

Kain spürt der Reue Fluch
Über dieser Treue Bruch,
Und das belfernde Gewissen
Hätt' ihn beinah totgebissen.

Adam aber kommt und sagt:
Hab' ich es doch gleich gedacht!
Tut das Haar ihm rückwärts streichen
Und entblößt des Kains Zeichen.

Kain wie die Pestilenz
Flieht erschreckt die Landesgrenz',
Um sich auswärts unter Beben
In den Ehstand zu begeben.

Weiter sagt die Weltgeschicht',
Kain wurde liederlich,
Und sein Samen, schwerlich feiner,
Die Freischärler und Zigeuner!

L. Eichrodt.

04 - Jakob und Söhne.

Neuer Triumph der Reimkunst.

Zwischen Israel und Ismael
Herrschte ein betrübsam Schismael;
Jenes züchtet Schaf und Kind,
Dieses Säu, die auch so sind.

Jakob aber lebt in Kanaan
Schlecht und recht ultramontanaan,
Richtet nach der Vorschrift sich,
Sparsam, gottesfürchterlich.

Söhne hat er zwölf, es hieß die Schaar:
Ruben, Levi, Juda, Isaschar,
Simeon und Sebulon,
Jeder war de Lea Sohn.

Josef aber und auch Benjamin
Kriegt er noch in dem Dezennjamin
Von der Rachel; anderswie
Krag er Dan, Hirsch, Naphtali.

Ascher auch mit Lieb' umklammer' ich,
Abraham's gediegnen Samerich,
Und so ist das Dutzend voll,
Das ich heut besingen soll.

Lieber aber als die andern all
Hatte Jakob - o du Skanderal! -
Seinen Josef, keusch von Ruf,
Weil er ihn so spät entschluf.

Und er schenkt ein rotes Röcklein ihm,
Zu der Brüder Neid und Schrecklajim,
Josef machte viel Geschrei,
Wohldienst und Angeberei. (Gen. Kap. 37 (3))

Jugendstreiche tat der Josef nicht,
War in keiner Art ein Bosewicht,
Und zufrieden mit ihm war
Der Herr Lehrer immerdar.

Levi war kein Simplicissimus,
Doch den ganzen Katechissimus
Außenwendig konnte bloß
Josef, dieser edle Sproß.

Als sie weilten nun zu Dothanä,
Ärgerte das Rocklein sothanä
Seine Brüder dergestalt,
Daß sie gern ihn machten kalt.

Und es spie der krumme Sebulon:
O du Tropf, Spion und Nebulon!
Haben wir dich jetzt einmal?
Mackes gibt's auf jeden Fall!

Juda sprach, ich hab' die Possen gnung,
Simeon war für Erdrosselung,
Aber für Zerstampung gar
War der grimmer Isaschar.

Andere wieder schrieen: Steinigung!
Einige begehrten Hochnotpeinigung.
Hirsch war eigentlich für Gift,
Aber das gab's damals nicht.

Retten wollt' der sanft're Ruben ihn,
Werft ihn, sprach er, in die Gruben hin!
Eine Karawane g'rad
Kam daher von Gilead.

Dummheit wär's, den Schlingel steinigen,
Schächten und verun- sich reinigen!
Ascher sprach's - seid ihr gescheut?
Wozu sein wir Handelsleut?

Also ward er kühn verschacheret
An die Männer Ismaels hernacheret
Die verkauften gleich ihn bar
An den Meister Potiphar.

Aber Joseph's rotes Röckelein
Ward getaucht in's Blut des Böckelein
Jakob fiel in groß Geheul,
Und er dachte sich sein Teil.

Potiphar, der Kämm'rer Pharao's,
Setzt den Joseph ob die Baaraos,
Weil er rechnen konnte gut
Und auch hübsch war als ein Jud.

Dieses merkt' auch gleich sein Eheweib,
Möchte, daß er ihr die Flöh' vertreib',
Sie erwischet ihn beim Rock,
Er tat wie ein Kleiderstock.

Kein Piano, kein Fortissimo
Half, er hielt am Katechissimo
Wer errät des Menschen Sinn?
Löblich war es immerhin.

Die Geschichte wurde weltbekannt,
Joseph wird als Musterheld genannt,
Ja, des Augenblickes Kuß
Wiegt nicht auf des Ruhms Genuß.

Doch die Falsche aus Egyptenland
Fluchtet, daß er nicht verliebterant,
Hat den Rock ihm wegstibitzt,
Schreiet, bis der Joseph - sitzt.

Aber sieh, auch in Carceribus
Hält der Amtmann ihn in Ehribus,
Da der Herr wohl mit ihm sei,
Tut er ihn zur Schreiberei.

Und am König sich versündiget
Hatten Zwei und eingespündlichet
Wurden sie, ob Einer zwar
Schenk, der Andre Bäcker war.

Joseph so als Actuarius
Machet ihre Träume klarius:
Du - Vortrinker wider wirst!
Bäcker, dich - dich henkt der Fürst!

So geschah es auch in Wirklichkeit,
Kunde drang in die Bezirklich weit,
Daß das schwere Traumbüchlein
Joseph auch studieret sein.

Man beriet im Ministerio
Einen Traum längst hin und herio,
Aus geheimstem Kabinett:
Von den Kühen dürr und fett.

Joseph spricht ganz vorbereitungslos,
Denn so hat er die Traumdeutung los,
"Fette Jahr' und magre Jahr' -
Pharao, mach's Inventar!

Pharao, mach's Inventarium,
Denn bald sind die fetten Jahr' herum,
Und die magern kommen schon,
Kosten dir vielleicht den Thron!

Und die letzten sind die pauvresten!
König, such' dir einen Obersten,
Einen sehr verständ'gen Mann,
Der Egypten helfen kann!"

Schreiber war er, schlechtbezahleter,
Joseph macht den Sprung mortaliter,
Wird vom simplen Aktuar
Großvizier, Minister gar.

Freilich solche Schwindelkraft liegt fern
Unsrer Zeit, der wissenschaftlichern;
Vorwärts kommt man nicht so schnell,
Wo es konstitutionell.

Und obwohl jetzt Reichskornwucherer
Widerstand doch dem Versucher er,
Für den edlen König fein
Macht er das Geschäft allein.

Schau' da strömten auch von Bethlehem
Jakobs Söhne, treu und redlehem,
Wollten für Jakob und Söhn'
Kaufen Mumienwaizoën.

Benjamin nur blieb im Vaterhaus,
Wo der Jakob saß im Katergraus,
Aber Joseph wollte den,
Der jetzt war erwachsen, sehn.

Und er trieb Schindluder mehrerlei
Mit den Brüdern, die nicht, wer er sei,
Wußten, und bald ohne Korn
Kamen vor der Vaters Zorn.

"Merkt's, man speiste euch mit Phrasen ab!
Was ihr lange, krumme Nasen habt!"
Sprach der Jakob. "O, der Min-
Ister will den Benjamin!"

Jakob mußte sich verstehn dazu,
Daß des Großvizieres Spleen hab' Ruh,
Doch von Juda, in der Pein,
Fordert er den Bürgschaftsschein.

Rührend schon war die Erkennungsscen',
Nimmer sollt' es geben Trennungswehn,
Und fürwahr die Trunkenheit
War so groß als wie die Freud'. (Kap. 43 (34) )

Wunderbar, der Same Abrahams
Lallte da in lauter Stabrahams,
Wie die alten Deutschen knüll,
In gemütlichem Gebrüll.

"Holet jetzt nur auch den Erzpapa!
Soll heraufziehn gleich von Bersaba!
Mit den Wagen, Weib und Kind,
Schaf, Ochs, Esel, Kalb und Kind!

"Diese Lust soll euch nur sanft anwehn,
Wie die Vögel in dem Hanfsamehn
Sollt ihr leben hier, das Mark
Dieses Landes mach' euch stark!" (Kap. 45 (18))

Daß er gar nicht war nachträgerisch,
Großmut übte unabwegerlich,
Rechn' ich hoch ihm an aus Pflicht,
Denn Berechnung war es nicht.

Pharao zog Sonntagshosen an,
Wies dem Volk die Landschaft Gosen an;
Eigentlich wie alt er wär'?
Fragt den Jakob gnädig er. (Kap. 47 (8))

Es verdiente aber viel Geld da
Gottes Volk in diesem Nildelta,
Und vermehrte fürchterlich
Nach Pläsier und Vorschrift sich.

Also in der Ransau* wimmelte
Israel, und es verkümmelte
Alsbald das Egyptervolk
An den König, was es molk. *Land des Ramses

Als das Vieh jedoch veräußert war,
An die Äcker ging's und Häuser gar,
Joseph und der Pharao
Wurden drob ohnmaßen froh. (Kap. 47 (18))

In die Hofschatulle fließt der Saft
Alles Lands und bloß die Priesterschaft
Darf behalten, was sie hat,
Denn sie ist oft delikat. (Kap. 47 (22))

Joseph nahm sich nur den Feigensaft,
Er begründet die Leibeigenschaft
Der Ägypter, die sein Brot
Aßen in der Hungersnot. (Kap. 47 (25)).

Und der König, vor Bewünderung
Über diese Volksausplünderung,
Macht den genialen Sohn
Jakobs eilends zum Baron.

Später hieß die Firma Ephrajim
Und Manasse, die Geschäftsräujim
Waren aber nach der Hand
Wieder im gelobten Land.

Also steht's im Buche Genesis,
Das wir lesen, weil so schön es is,
Wenn auch drin Kapitel stehn
Mehr für die Erwachsenen.

L. Eichrodt.

05 - Schartenmeier's Klage um den entschlafenen Biedermaier.

Meine Finger lass' ich gleiten
Tiefgerührt auf Brummbaßseiten,
Schlottrig sind sie nur gespannt,
Und es zittert meine Hand.

Wie aus einem hohlen Hafen
Muß man singen von dem Braven,
Den bereits das Grab verschlingt,
Daß es dumpf und schollrig klingt.

Biedermaier, Biedermaier,
Was verstimmt Du meine Leier?
Sagt, wo nehm' ich Tränen her?
O, der Gottlieb ist nicht mehr!

Ach! wie soll ich mich zerstreuen?
Muß ich nicht mein Lied bereuen,
Wenn durch dieses Kummers Gift
Mich der Schlag noch heute trifft?

Ist es möglich? So ein Dichter,
So ein sanfter Friedensstifter,
So ein beispielloser Mann
Stirbt und tut uns dieses an!

O du großer Gott, du großer!
Immer wird es mir kurioser,
Weiß man, wie viel Uhr es ist,
Wenn der Mensch sich so vergißt?

Soll ich sein Verdienst erzählen,
Eure Ohren müßt' ich quälen
Mit der überflüß'gen Zahl,
Das geht nicht mit Einemmal.

Rechnen, lesen, schreiben, dichten,
Wachtelhunde abzurichten,
Für die Freunde zeitenweis,
Freut den liebenswürd'gen Greis.

Brachten es die Jahreszeiten
Oder sonst Gelegenheiten
Wer ertrug und machte Spaß,
Als der Biedermaier daß?

Himmel! war die Lug', das Laster,
Irgend Einem grundverhaßter?
Wie war er so treu beständ'sch!
Ach, ein wahrer Nebenmensch!

Nein, wie ist mir in den Magen
Dieser Todesfall geschlagen;
Angst und bang, so wird mir schier,
Reichet einen Bittern mir!

L. Eichrodt.

06 - Klagelied des Schulmeisters Jeremias Birkenstecken um den hingegangenen Freund Gottlieb Biedermaier.

O Spektakel, welch' ein Schrecken!
Das ist Trauersiegellack.
Jeremias Birkenstecken,
Bürste deinen schwarzen Frack!

Welche Botschaft! Biedermaier,
Dieser Edle, lebt nicht mehr!
Bindet Flor an meine Leier,
Denn der Vorgang schmerzt mich sehr.

Bindet Flor an Hut und Hauben,
Daß die Träne besser fließt,
Niemand wird die Nachricht glauben,
Wenn er's nicht im Blättle liest.

Gott! hätt' ich das können ahnen,
Daß der große Mann verschied,
Als wir eben in dem Schwanen
Sangen sein Kartoffellied!

Morgen wird man ihn begraben,
Schlag halb zehn Uhr; denn genau
Will es das Gesetz so haben:
Unsre weise Leichenschau.

O muß Alles denn von hinnen,
Was da schön und edel ist,
Dieses bringt mich schier von Sinnen,
Solch ein Dichter, Mensch und Christ!

Nein, wer wird sich da nicht grämen,
Wenn er einen Freund verliert,
Namentlich muß er vernehmen,
Daß man ihn hat falsch kuriert*

Darf der Bürger denn nicht klagen,
Wo selbst die Regierung klagt,
Die ihm erst vor wenig Tagen
Die Medaille angesagt!?

Klaget, klaget, lieben Leute,
Denn das Klagen ist erlaubt,
Wenn der Tod als seine Beute
Einen Biedermaier raubt.

A. Kußmaul.


*Diese Nachricht erwies sich als eine böswillige Verleumdung des Biedermaierschen Hausarztes und ich nehme deshalb meinen Unwillen zurück. - Jeremias Birkenstecken.

Anhang.

01 - Schartenmeier an Biedermaier.

Zwar sein Name trägt Scharten,
Aber seine Seele nicht:
Schartenmeier wollte warten,
Dieses schien ihm gleichsam Pflicht.

Er kann keine Trubel leiden,
Säß’ im stillen Eckelein
Gern, den Lebtag zu vermeiden,
Mit dem Jubilar allein.

Hinterm Tischlein, das bequemlich
Steht an warmer Ofenwand,
Zwischen uns besteht ja nämlich
Ein ganz spezielles Band.

Allda setzen wir uns nieder,
Fern vom Lärmen, fern vom Wind,
Singen dann zu zwei die Lieder,
Welche von uns selber sind.

Ich, der mehr als neunundsechzig,
Leere mit Bedacht mein Glas,
Denn in diesem Alter rächt sich
Schnelle jedes Übermaß.

Edler, du kannst kecker trinken!
Fünfzig - ei, das ist noch jung!
Laß den wein im Glase blinken!
Vivat hoch die Vorsehung!

Dürftest du nicht lang noch leben,
Wahrlich ungewöhnlich wär’s -
Möge sie die Zeit dir geben
Noch zu manchem schönen Vers!

Äußerst gerne möcht’ ich sehen,
Daß du so gesund verbleibst,
Daß du, wenn’s um mich geschehen,
Mir dann meine Grabschrift schreibst.

Niemals kommt von dir Zuwidres,
Was die hohle Gasluft kracht,
Du schreibt vielmehr stets nur Biedres,
Das die Menschen besser macht.

Was kann ich denn Bessres wünschen,
Als ein solches Monument,
Wo von solchem biedern Menschen
Verse drauf gemeisselt sind.

Und zwar in Fraktur-Buchstaben,
Die so selten leider jetzt,
Sei die Grabschrift eingegraben
Und mit einem Zug zuletzt.

Fr. Theod. Vischer
(aus “Allotria”, Verlag von A. Bonz u. Co., Stuttgart).

02 - Biedermaier an Schartenmeier

Den sie nennen Biedermaier,
Ihm war’s immer Himmelslust,
Schartenmeier mit der Leier
Sich zu werfen an die Brust.

Doch die Zeit bracht’ es nicht mit sich -
Endlich hat es sich erfüllt,
Unsre Musen werden hitzig,
Bis der Saite Drang sich stillt.

Ist die deine erst erklungen,
Also mit der meinen muß
Ein ich fallen, denn bezwungen
Hat mich schon dein Genius.

Wie mich aber heut’ gerühret
Dein ergreifend Leierspiel,
Und wie’s mein Gemüt verspüret,
Ist fast für mein Herz zuviel.

O wie soll ich weiter dichten,
Wenn man mich so innig packt
Und so ehrenvolle Pflichten
Auf den biedern Buckel sackt?

Deine Grabschrift soll ich schreiben,
So dem Himmel es gefällt!
Laß mich erst die Augen reiben,
Einzusehn, was du bestellt.

Wer so Großes ausgerichtet
In der Kunst und Wissenschaft,
Unverwüstlich so gedichtet -
Hat sich selbst beepitapht.

Eines schönen Frühlingsmorgens
Werden um dein Monument
Blumen sprießen, die besorgen’s
Dem, der ihre Sprache kennt.

Und er liest von ihren Kelchen,
Sternen, Glocken, Lippen, knappst
In der Form, den Namen, welchen
Du zum Ruhm dir selber gabst.

Sollt’ ich dran vorüber zeiseln,
Nach der Ordnung der Natur,
Schreib’ ich’s ab und laß’ es meißeln
auf den Stein in Goldfraktur.

Doch zuvor ich steh’ in Gräsern,
Wollen wir, so denk’ ich, bei
Noch viel urbedächt’gen Gläsern
Singend sitzen still zu zwei.

Wollen uns die Lieder werfen
An die Köpfe, Blumen gleich,
Und dabei die Einsicht schärfen
In des Ideales Reich.

Aber sollt’ ich vor dir beißen
Müssen statt ins Glas ins Gras,
Weiß ich, wird’s in Deutschland heißen:
Schartenmeier schreibt an was.

Daß er da Zuwidre, Niedre
Allzeit menschenmöglichst mied,
Der dem Staub entrückte “Biedre”,
Gern bezeugt es ihm dein Lied.

L. Eichrodt.

03 - Nachklang.

“Schartenmeier” ist hinüber!
Seufzet “Biedermaier” jetzt,
Und die Zeit erscheint ihm trüber,
Die ihm diesen Schlag versetzt.

Und es hängt auch “Biedermaier”,
Welchen nicht mehr alles freut,
An die Holzwand seine Leier,
Denn es ist nun andre Zeit.

L. Eichrodt.